Neuzugang Mai 2016:

 

Offener Brief anlässlich zweier Radionachrichten:

 

Sehr geehrte Frau Wagenknecht,

 

ich weiß nicht viel über Sie, und Ihre Partei interessiert mich nicht mehr oder weniger als alle anderen, da ich nach einigen Jahren Unterbrechung wieder resigniert zur Nichtwählerin geworden bin. Ich habe aber kürzlich und heute wieder im Radio gehört, dass Sie angegriffen und fälschlich beschuldigt wurden aus keinem anderen Grund, als dass Sie etwas völlig Vernünftiges und Richtiges ausgesprochen haben. Deshalb möchte ich Ihnen meine besten Wünsche schicken, dass Sie eine solche Kränkung und auch Dummheit möglichst schnell verwinden können. Welcher Gastgeber würde einen Gast, den er – bis auf eine Episode durch unsere Kanzlerin – gar nicht eingeladen hat, aber dann im großen Ganzen gutwillig an seinem Tisch aufnimmt, nicht vor die Türe setzen, wenn eben dieser Gast ihm dann das Tafelsilber klaut, in den Blumentopf pinkelt oder sich sonstwie asozial verhält, sprich wenn er als aufgenommener Flüchtling straffällig wird in dem Land, wo er vielmehr Grund hätte, sich zu bedanken (natürlich nicht in allen Teilen dieses Landes und nicht bei jedem!). Einen derart asozial Handelnden statt dessen sogar noch weiter beköstigen zu wollen, wenn auch aus einer Gefängnisküche (deren Essen wahrscheinlich nicht schlechter ist als das, was ich in einer Schulkantine beobachten konnte), zeigt viel, viel Orientierungslosigkeit in Hinblick auf was richtig und was falsch ist. (Natürlich weiß ich, dass es viele als progressiv und tiefsinnig dünkt, zu behaupten, dass es gar kein Richtig oder Falsch gäbe, und leider hat die Philosophenschwemme, derer sich Deutschland seit einigen Jahren erfreut, hieran nichts geändert.) Wenn sich nun der Gastgeber nicht am asozialen Handeln von Gästen stört (natürlich spreche ich nur von denen, nicht von Flüchtlingen pauschal!!) oder es sogar noch gerne unterstützt, dann müsste er aber doch bedenken, dass das nicht allein seine absonderliche Privatsache ist, sondern auch auf Kosten von Familienmitgliedern geht. Und wie kann er hoffen, seine Kinder zu verantwortungsvollen, rechtschaffenen Menschen zu erziehen, wenn er ihnen ein solches Verhalten vorführt! (Höre ich irgendwo Kichern über das Wort „rechtschaffen“?)

Noch einmal meine besten Wünsche, dass Sie das alles verkraften können,

 

Hella Naura

www.yoga-zeitschrift.de

 

Hamburg, den 28. Mai 2016

 

 

 

Februar 2016:

 

In Erinnerung an einen Krankenhausaufenthalt:

 

Menschenfreundlichkeit

 

© für alle Artikel hier Hella Naura

 

Meine Schwester saß in der Badewanne und protestierte. Ich wollte ihr den Rücken mit dem Scheuerpulver schrubben, das meine Mutter mir zusammen mit einer flüssigen Seife gegeben hatte. „Das Scheuerpulver ist für die Badewanne und die Seife für mich.“ „Nein, umgekehrt“, bestand ich. Aus meiner etwa neunjährigen Lebenserfahrung heraus war das Schlechtere selbstverständlich für den Menschen und das Bessere für die Dinge.

 

   Wie war es zu dieser merkwürdigen, lebensverneinenden Überzeugung gekommen? Als im Kriegsdeutschland Geborene muss ich eine Last für meine Mutter gewesen sein, die schon zwei Kinder hatte. Ein Baby als menschliches Wesen an sich mag selbst unter schwierigsten Umständen liebenswert sein; ein Baby als ein körperliches Objekt kann zur Zielscheibe von Frustration, wenn nicht Aggression werden (wie manche Kindstötungen beweisen). Dieses Objekt muss sauber gehalten werden und produziert doch immer wieder neuen Schmutz. Es ist verletzlich und muss funktionsfähig erhalten werden. Es produziert Lärm, hat aber keinen Schalter zum Abstellen. Ich nehme also an, dass ich für meine so sehr belastete Mutter manchmal ebenso ein Ärgernis verursachendes Ding war wie eine Manifestation des Wunders, das Leben trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse immer noch ist. Diese Einstellung vom Menschen als Ding muss ich zu einem gewissen Grad verinnerlicht haben, denn eine andere Kindheitserinnerung passt dazu: Ich brütete über einem Artikel, in dem es um einen verschollenen Bergsteiger ging. Etwa sechs Personen waren ausgesandt worden, um ihn zu suchen. Ich überlegte: sechs Personen riskierten ihr Leben, um nur eine Person zu retten! Das ergab keinen Sinn. Sechs Leute zu bemühen und zu bezahlen – dessen war ich mir auch als Kind schon bewusst –  um möglicherweise Einen zu retten?

 

Der „sachliche“ Mensch

 

   Diese „sachliche“ Einstellung zum Menschen bestand unterschwellig fort und koexistierte oder eher rieb sich konfliktreich mit gleichzeitig starken Emotionen. Das Weltbild wurde eher pessimistisch, die Erwartung ans Leben bescheiden. Es galt, standzuhalten, auszuhalten, zu ertragen. Dies sind gute deutsche Eigenschaften. Zu gut? Denn die Sehnsucht nach anderem –  auch das ist gut deutsch. Doch „das Andere“ wird außer durch Reisen im angeblich Großen und Hehren oder, bei esoterischen Interessen,  in Ideen und Ideologien gesucht statt in den möglichen Freuden des einfachen menschlichen Umgangs und Zusammenseins.

 

   Doch hat sich etwas geändert in Deutschland an einer Haltung, die das Ding und „das Prinzip“ vor den Menschen setzt? Herta Müller bezeichnete diese Sache-vor-Mensch-Einstellung in einer Eröffnungsrede in Lübeck als „zweckmäßig“, wobei sie die allentscheidende Frage stellte, welchem Zweck denn etwas gemäß sein soll. Dem der Menschenfreundlichkeit oder dem der Menschenverachtung? Das per Gehirnwäsche einem anscheinend empfänglichen Volk eingetrichterte Hitler-Motto „Mitleid ist Schwäche“ liegt über 70 Jahre zurück. Das heißt jedoch nicht, dass es damit aus der Welt wäre. Es schlummerte fort, u.a. in meiner Mutter und in der Psyche von Millionen Anderen. So habe ich selbst noch heute Eindrücke der NS-Zeit in mir, denn das Unbewusste ist zeitlos. Doch eine Fast-food-fast-love-Gesellschaft übersieht die Langlebigkeit von Ursachen, weshalb Genuss ohne Reue für machbar gehalten wird. In Verkennung von Zwangsmäßigkeiten werden also Ursachen einfach ihre Wirkungen abgesprochen, eine Kurzsichtigkeit, die zu nichts Gutem führen kann.

 

   Doch Ursachen und Wirkungen treten in immer neuen Kombinationen auf, so dass sich Deutschland seither verändert haben müsste. Neues ist hinzu gekommen. Wohl keine Meditation wird in den schnell wachsenden deutschen buddhistischen Kreisen so oft erwähnt wie die „Metta“-Meditation, die der „liebenden Güte“. Wohl kein vom 14. Dalai Lama verbreiteter Begriff schlug so ein wie der des Mitgefühls und des Strebens nach Glück. Doch wie tief geht diese Akzeptanz von Mitgefühl und Glücksstreben? Gilt das chinesische Sprichwort: „Was er hat, davon spricht er nicht. Wovon er spricht, das hat er nicht“?  Gilt es? Glücklich wollen schließlich alle sein. Doch die gängigen Glücksbringer Statussymbol, Geld und Erfolg sind ihrer Natur nach kurzlebig. Die Glückserfahrung, die sie bringen können, muss durch wachsenden Einsatz immer neu erzeugt werden, wie das sucht- und zockerartige Verhalten vieler Banker und Investoren zeigt. Zu dauerhafterem Glück sind wir nun einmal in erster Linie auf das Verhalten und die uns entgegen gebrachten guten und bestätigenden Gefühle anderer angewiesen (abgesehen von den Wenigen, die ein noch größeres Glück in sich selbst durch echte "Selbstverwirklichung" entdecken). 

 

Neue Erfahrungen

 

   Es waren Krankheit und schwierige Umstände nötig, um mir das deutlich zu machen und meine in fernster Kindheit geprägte Lebenseinstellung von der „Sachlichkeit“ des Menschen aufzuweichen. Ein durch Amöben hervor gerufener Leberabszess brachte mich während eines Aufenthalts in Indien ins Krankenhaus. Alleine hätte ich meinen Weg dahin nicht gefunden, denn ich lag zunehmend erschöpfter und in dämmrigem Zustand oft nur noch auf dem Bett. Doch man schickte mich mit Begleitung zum Arzt, man fuhr mich Stunden später ins Krankenhaus, man erledigte alle Formalitäten, schickte am nächsten Tag einen Wagen und Begleitung, um mich für eine CT in ein anderes Krankenhaus fahren zu lassen und bürgte mit seiner Kreditkarte. „Man“, das waren Verantwortliche einer mir seit über 30 Jahren bekannten Yogaschule, dem Mumbaier The Yoga Institute. Mitschüler von früher und die Direktorin besuchten mich, eine Ehrenamtliche saß stundenlang an meinem Bett. Eine Yoga-Freundin suchte Telefonnummern zusammen und telefonierte für mich, eine andere brachte Essen von zu Hause, da ich gegen das ferngelieferte Krankenhausessen revoltierte und mich weigerte, es zu essen. Die Instituts-Vorsitzende arrangierte weitblickend einen Rollstuhl für meinen späteren Rückflug und eine in Mumbai lebende Schwester umsorgte mich nach der dringendst erbetenen Entlassung bis zur Heimkehr.

 

   Die in Mumbai begonnene Kette von Freundlichkeiten und Hilfsbereitschaft setzte sich in Deutschland fort. Fürsorge einer anderen Schwester folgte, der Hausarzt war mitfühlend, und dann lag ich im Israelitischen Krankenhaus, das noch sein Gründungsmotto von 1841 hochhält: „Menschenliebe ist die Krone aller Tugenden“. Alle waren freundlich: Oberärzte, Ärzte, Schwestern, Pflegekräfte, Praktikanten. Als wahre Lichtgestalten von Freundlichkeit und nie murrender Pflichterfüllung erschienen mir besonders zwei Krankenschwestern. Ärzte erhalten als Wenigstes soziale Anerkennung und gute Bezahlung. Schwestern keines von beiden. Sie spenden ihren Dienst nicht bestimmten Menschen aus Liebe, Loyalität oder anderen Verflochtenheiten. Sie schenken ihn Jungen und Alten, Reichen und Armen, Schönen und nicht so Schönen. Was motiviert sie? Schwester Hanna beobachtete als Kind, wie sich ihre Großmutter jede Woche auf den Besuch einer Gemeindeschwester freute. „So etwas will ich auch mal machen“, wusste sie schon früh. Schwester Manuela wollte Polizistin werden. „Geh ins Krankenhaus, wenn du Menschen helfen willst“, rieten die Eltern. Ein Praktikum im Krankenhaus folgte und gefiel. „Manchmal denke ich noch an den Polizistenberuf, aber Krankenschwester zu sein ist auch schön.“ Was spricht aus solchen Motivationen anderes als reine Menschenfreundlichkeit! 

 

   Ganz gleich, wie selbstbestimmt, eigenmächtig oder sonst wie unabhängig wir sind, wir sind soziale Wesen und stecken in einem Netz wechselseitiger Abhängigkeiten. Wie sich andere uns gegenüber verhalten – in persönlicher ebenso wie in gesellschaftspolitischer Hinsicht – entscheidet über einen großen Teil unseres Lebens. Dieses Verhalten anderer kann erwachsen aus Gleichgültigkeit, Ignoranz, Berechnung, nur sich selbst sehendem Egoismus oder blinder Ideologie. Treffen diese Eigenschaften auf die Möglichkeiten von Machtausübung oder weiter medialer Verbreitung, so kann das für Hunderttausende gefährlich und der Nährboden für Grausamkeit, Verzweiflung und Kriege werden. Doch ebenso gibt es Mitgefühl, Wohlwollen und Respekt vor dem oft verhärteten, so verletzlichen und doch zu Wunderbarem fähigen Kern des Menschseins. Es müssen nicht die Großtaten einer Mutter Teresa von Kalkutta sein; jede kleine Handlung des Hellen und Freundlichen wirkt ebenso sichtbar oder verborgen um viele Ecken fort wie ihr Gegenteil. Die krassen Egoisten, die die Ressourcen dieser Erde gedankenlos Verschwendenden, die Zerstörerischen und Verblendeten, sie sind mitten unter uns. Doch die anderen sind es auch.

 

 

 

Unbegrenztes Wachstum?

 

 

Anlässlich vieler, vieler Radionachrichten, aus denen hervorgeht, dass die Regierenden zumindest der westlichen Welt (aber auch Japan, Indien u.m.) das Heil der Welt und die Lösung ihrer Probleme anscheinend immer noch darin sehen, "Wirtschaftswachstum" auf Teufel-komm-raus zu forcieren.

 

Hella Naura

 

 

„Bäume wachsen nicht in den Himmel“ heißt es. Nichts wächst in den Himmel. Dass jedem Wachstum Grenzen gesetzt sind, zeigt uns die Natur, von der wir ein Teil sind. Pflanzen, Tiere und Menschen erreichen alle nur eine bestimmte Höhe, wobei sich der Grenzwert durch die Zeiten verschieben kann und Ausnahmen die Regel bestätigen. So ist der heutige Mensch größer gewachsen als frühere. Als Gründe gelten u.a. künstliches Licht und Ernährung. Doch Genaues weiß niemand. Dass aber der Körpergröße Grenzen gesetzt sein müssen, wird niemand bestreiten. Weshalb also wird angenommen, dass die Wirtschaft unbegrenzt wachsen kann? Eine Antwort auf diese grundsätzliche Frage zu suchen, würde manch kurzfristiges und nur an Zahlen oder Wählerstimmen orientiertes Denken offen legen. „Nachhaltigkeit“ wird zwar angestrebt, aber Tatsache ist doch, dass Verschwendung von Energie, Ressourcen, Nahrung und anderem übersehen wird, solange nur irgendein „Wirtschaftswachstum“ oder „Fortschritt“ dabei heraus springt.

 

Global steht es schlecht um die Welt

 

   Denkt man global – und bei dem immer rasanteren Zusammenwachsen von Ländern, Kulturen und Wirtschaftsräumen muss man es – so herrschen auf dieser Erde für Millionen jammervolle Zustände. Menschen verhungern; haben nur schwierigen oder gar keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser; sind auf der Flucht; werden von dem Boden, auf dem sie leben, vertrieben, weil er Öl oder Mineralien birgt oder für die Anlage von riesigen Monokulturen gerodet wird. Diese brauchen die Industrieländer für ihr „Wirtschaftswachstum“, so z.B. für Biosprit, der als Umwelt schützend deklariert wird. Als was soll man es bezeichnen, wenn Golfplätze in heißen, wasserarmen Ländern durch ständige Bewässerung grünen Rasen erhalten oder man im Wüstenstaat Dubai Schlittschuhlaufen kann? Als was soll man es bezeichnen, wenn Touristen Schwimmbäder in der Wüste geboten werden oder bei uns künstliche Badelandschaften entstehen, während der Badebetrieb in Naturseen verboten wird? Was steckt dahinter, wenn Landschaften immer mehr zerstückelt und von Autobahnen, Bahngleisen und Tunneln durchzogen werden, die Fahrzeit einsparen helfen sollen (einen kleinen Teil von dem, was durch anscheinend gottgegebene Zugverspätungen verloren geht)? Geht es hier um Gleichgültigkeit, Gefälligkeiten für die Bauindustrie, Blindheit, eine Mischung aus allem oder eben nur um einen kurzsichtigen, quasi religiösen Glauben an „Wirtschaftswachstum durch Investitionen“? Wobei jedem Investor der rote Teppich ausgerollt wird und Fragen nach nachhaltigen Kosten und dem letztendlichen Zahler der Zeche nicht gestellt werden.

   Die Verwüstung der Erde schreitet voran. Menschen, die kein Futter mehr für ihre Tiere finden, müssen selbst wenig später sterben. Kein Wirtschaftswachstum und keine technischen Innovationen werden daran etwas ändern. Zwar wurde das Problem Klimawandel von der Politik bearbeitet, besteht aber nach wie vor. Auch technische Innovationen, die helfen sollen, natürliche Ressourcen zu sparen und die Erderwärmung zu stoppen, werden das Problem kaum lösen. Denn der gängige Lösungsansatz ist eben nur „Wachstum“. Die deutsche Absage an die Atomkraft war nicht nur ein Akt der Vernunft, sondern stärkt gleichzeitig auch die Investitionen erfordernde Wachstumsbranche alternative Energien. Wachstum für uns, wohlgemerkt. Ginge es um globale Lösungen, dann wäre schon vor langer Zeit der Reichtum an Sonne vieler armer afrikanischer Länder zur Gewinnung von Solarenergie genutzt worden. Doch ist die Art von nationalem Egoismus, der es nicht dazu hat kommen lassen, nicht ganz normal? Denkt nicht jeder zuerst an sich selbst – die Politiker an ihren Wahlerfolg, die Wähler an ihren Vorteil und alle an das eigene Land, so lange es persönlich nichts kostet?

 

Leben auf Kosten der Zukunft

 

   Das mag normal sein – wenn normal eben das ist, was für die Mehrheit als Norm gilt. Doch die Dinge und die Länder der Welt sind inzwischen zu verflochten, als dass bisherige Normen selbst den reichen Ländern eine gute Zukunft sichern könnten. Denn die Welt ist nicht nur gespalten in hungernde und satte Länder. Auch die Spaltung zwischen Arm und Reich innerhalb der satten Länder wird immer tiefer. Das hat viele Ursachen: die Kosten, um die jahrzehntelange frühere staatliche Verschuldung zwecks „Wachstum“ abzubauen, sind zu ungleichmäßig verteilt. Die „Leistungselite“ muss bei Laune gehalten werden, damit sie nicht in andere Länder ausweicht. Der Wirtschaftszweig Rüstung bringt zwar gute Einnahmen, doch der wachsende Waffengürtel um die „Festung Europa“ ist teuer und seine Kosten werden allen Staatsbürgern aufgebürdet. Letztlich liegt es aber an unserer Wirtschaftsreligion des durch shareholder value verschlimmerten Wachstums, dass Geld zu Geld fließt und sich Macht und Einfluss in immer weniger Händen vereinigen.

 

Ware-Geld-Ware gilt nicht mehr

 

   Karl Marx führte aus, wie im Kapitalismus die Konzentration des Kapitals zunimmt. Eine einfache Warenproduktion von Handwerkern und Bauern früherer Zeiten verlief nach der Formel Ware-Geld-Ware. Waren wurden gefertigt, um Geld zu bringen, das wiederum in nötige Waren gesteckt wurde. Geld trat nur als Vermittler auf. Diese Formel änderte sich mit dem Aufkommen des Kapitalismus zu Geld-Ware-Geld. Jetzt wurde Geld zunehmend nicht verwendet, um die Bedürfnisse der Menschen an Waren zu befriedigen, sondern um Profit an sich zu erzeugen und vorhandenes Geld günstig zu verwerten. In diesem Vorgang wurde nun die Ware zum Vermittler. Sie wird in großem Maße nicht mehr produziert, weil Bedarf an ihr besteht, sondern weil sie Profit ermöglichen soll. Das machte die Werbung so mächtig, denn ihre Aufgabe ist es, an und für sich gut versorgte Menschen unzufrieden zu machen und immer neue Bedürfnisse und Wünsche zu wecken.

   Doch anderthalb Jahrhunderte nach Karl Marx ist der Inhalt seiner Formel für kapitalistische Vorgänge, eben Geld-Ware-Geld, noch abstrakter geworden. Denn seit dem Aufkommen des Neo-Liberalismus gilt in großen Teilen die Formel Geld-Geld-Geld. Hier steht Geld nicht mehr in Beziehung zu Arbeit, die Dinge schafft, wie früher die Arbeit eines Schneiders, der aus Stoffen Kleidung schuf. Es steht auch nicht mehr in Beziehung zu Waren, die echte Bedürfnisse befriedigen, wie z.B. das nach Stoffen, um abgetragene Kleidung zu ersetzen. Hier steht Geld nur noch in Beziehung zu Geld. Aktieneigner produzieren gar nichts, erhalten aber trotzdem Geld für nichts anderes als Geld. Zur Verschleierung der Vorgänge bezeichnen die Banken ihre Dienste nun als „Produkte“, täuschen also eine Tätigkeit vor, die sie gar nicht ausführen. Denn sie produzieren nichts, sondern bewegen nur Geld. Was wächst also? Auf jeden Fall wächst die Abhängigkeit sehr vieler von sehr wenigen, sprich Menschenmassen von Bankvorständen, was am Grundgedanken der Demokratie, die doch noch über die ganze Welt verbreitet werden soll, rüttelt. Ebenfalls wächst eine allgemeine Zockermentalität, die Geldgewinn gar nicht mehr in Beziehung zu handfester oder geistiger Arbeit setzt, sondern „Geld für sich arbeiten lässt“, ob durch Spekulation oder anders.

   Was bringt das angebliche Rettungsmittel Wirtschaftswachstum mit sich? In den meisten Fällen Bedarf an natürlichen Ressourcen, Abfall und weitere Umweltbelastung. Um diese zu verringern, werden neue Technologien entwickelt, die ihrerseits wieder Bedarf, Abfall und Belastung mit sich bringen. Außerdem sind Forschung und Entwicklung teuer, erfordern also so großes Kapital wie es nur die Konzerne besitzen, was zu weiterer Konzentration führt.

 

Hat Kapitalismus Ewigkeitswert?

 

Sowohl Karl Marx, der im 19. Jahrhundert in seinem „Kapital – Kritik der politischen Ökonomie“ Kapitalisten als Ausbeuter bezeichnete, als auch der österreichische Ökonom und Harvard-Professor, Joseph Alois Schumpeter, der um die 70 Jahre nach Marx den dynamischen Unternehmertyp pries, meinten beide gleichermaßen, dass das kapitalistische System nicht überleben werde. Fabrikantensohn Friedrich Engels, lebenslanger Freund und Geistesverwandter von Marx, sagte als Höhepunkt des kapitalistischen Systems eine Herrschaft der Banken und Großkonzerne voraus. Ist dieser Höhepunkt erreicht?

   Es erhebt sich also die Frage, ob kapitalistisches Tun von heute weitgehend nur noch von blinder Ideologie getragen wird, die auf Theorie schwört statt vorurteilslos die Wirklichkeit zu betrachten. Anerkannte ökonomische Modelle haben sich mehrfach als falsch erwiesen. Sie konnten Depressionen und Konjunkturflauten durchaus nicht verhindern, wie sie es theoretisch hätten tun sollen. Wie weit ist also bloßes gedankenloses Beharren am Werk, wenn weiter an ein System geglaubt wird, dass seine Blütezeit unter vergangenen historischen Bedingungen nun hinter sich hat? Inzwischen herrscht Überproduktion. Reiche jetten zu einem Einkaufsbummel in andere Länder; Verarmte kaufen nichts mehr. Asiatische Länder sind als Konkurrenten hinzugekommen, und es wird schwieriger, mit Produkten Gewinne zu machen. Der Mehrzahl der Menschen geht es weltweit schlechter als vor 20 Jahren. Natürlich ist in diesem Zeitraum die Weltbevölkerung angewachsen, was die Dinge noch erschwert. Aber sollte das nicht ein Grund mehr sein, über neue Wirtschafts- und Gesellschaftsformen nachzudenken? Wachstum und Innovation, die weitere Automatisierung mit sich bringen, können jedenfalls nicht die Antwort sein auf den wachsenden Bedarf an immer mehr – statt weniger – Arbeitsplätzen.

   Könnten die, die direkt oder indirekt das Leben der Massen mit bestimmen, wie Politiker, Forscher, Medienschaffende, Denker und Intellektuelle nicht den Gedanken zulassen, dass der Kapitalismus auch nur eine historische Phase unter anderen ist und keinen Anspruch auf Ewigkeitswert hat? Denn auch er ist Gesetzen von Wachstum und Verfall unterworfen. Auch er kann nicht unbegrenzt wachsen. Karl Marx behauptete, dass (gesellschaftliches, ökonomisches) Sein das Bewusstsein bestimme. Das war vor der Zeit der Psychoanalyse und ließ die Mannigfaltigkeit der Individuen sowie kultureller Prägungen außer Acht.

 

Der Mensch ist nicht nur Körper

 

Was seither an Wissen über den Menschen als psychisches Wesen hinzugekommen ist, belegt, wie oft umgekehrt das Bewusstsein das Sein bestimmen kann. Karl Marx selbst ist ein Beispiel. Mit seinen geistigen Gaben und seinem Titel eines Doktors der Philosophie hätte ihm mit seiner adeligen Frau ein respektables Auskommen durchaus möglich sein müssen. Statt dessen lebten die beiden mit ihren Kindern in jahrzehntelangem Elend. Und so groß war dieses Elend, dass sie sogar an einem Tiefpunkt erwogen, mit dem jüngsten Kind in ein Armenhaus zu ziehen! Diese und andere Lebensläufe großer Menschen zeigen, dass es das Bewusstsein, das Unterbewusste, die Gefühle und der Geist sind, die umgekehrt zu einem bestimmten Tun und Einsatz von Zeit und Kraft drängen können, was wiederum über die ökonomische Lage entscheidet. Wolfgang Amadeus Mozart bekam ein Armenbegräbnis und auch Ludwig van Beethoven starb arm!  

   Nähern wir uns vielleicht einem Zeitabschnitt, in dem die Bedürfnisse des äußeren Menschen – nach immer mehr Komfort, materieller Absicherung und der Versicherung, dass immer alles größer, besser, wissenschaftlich belegter etc. wird – in den Hintergrund treten müssen, weil die Bedürfnisse des inneren Menschen zu dringlich werden? Depression als schwere Krankheit ist weltweit auf dem Vormarsch. Die Suche nach Sinn treibt viele Menschen in Sekten und zu Zynikern. Überforderte erleiden Nervenzusammenbrüche, sprich Burnt-out-Syndrome. Gewalttätige Kinder und Erwachsene lassen andere zittern. Familien zerbrechen. Vereinsamte zahlen für Single-Börsen. Die Jugend vieler Länder erhebt sich gegen ihre Regierungen unter dem Druck von Ungerechtigkeit, Aussichtslosigkeit und Wut. Kann irgendjemand wirklich glauben, dass Wirtschaftswachstum auch nur eines dieser Probleme lösen hilft? Entweder sind die Regierenden bar jeder Solidarität und jeden Mitgefühls und beziehen in ihre Pläne ein, dass Massen auf der Strecke liegen bleiben werden, oder aber ein Umdenken muss beginnen.

 

Geiz ist schon lange nicht mehr geil

 

   Es gab Indianerstämme, bei denen sich Reichtum nicht daran zeigte, wie viel jemand hatte, sondern wie viel er verschenkte. (Was nichts mit steuerbegünstigtem und Einfluss ausübendem Sponsoring zu tun hatte.) Es gab die indische Kultur, nur teilweise noch intakt, in der Reiche Großopfer zu Ehren eines Gottes mit Geschenken für die Mengen brachten. Es gab auch bei uns eine Zeit, wie nach dem letzten Krieg, in der Kinder aufwuchsen, die beim Schenken zu Weihnachten nicht weniger Freude empfanden als beim Beschenktwerden. Wir brauchen also einen Mentalitätswandel: Weg vom nur Materialistischen und Veräußerlichten, das mit Ängsten, Horten, Konkurrieren, krassem Egoismus, menschlicher Isolation und Selbstentfremdung (nicht im Marx’schen Sinne) einher geht; hin zu etwas ausgleichender Verinnerlichung, die mehr Selbsterkenntnis und damit Kenntnis der eigenen echten Bedürfnisse und Befriedigungen und damit wiederum mehr körperliche und psychische Gesundheit mit sich brächte.

 

Jeder Einzelne trägt zur

gesellschaftlichen Atmosphäre mit bei

 

   Wenn viele Menschen die Grundlage des klassischen Yoga, nämlich die Yamas (nicht verletzen; nichts Unwahres sprechen; nichts nehmen, was einem nicht wirklich zusteht, nicht stehlen, auch nicht das geistige Eigentum anderer; keine verletzende, unverantwortliche Sexualität; keine Habgier) bekannt machen, kann das einen Multiplikatoreffekt haben. Hinzu kommen die Niyamas (Reinlichkeit – auch im Denken und Fühlen; Zufriedenheit, Genügsamkeit; ruhiges Hinnehmen von unvermeidbaren Schwierigkeiten und Willensstärkung; Selbsterforschung und Lesen inspirierender Texte; willige Hinnahme bzw. Anerkennung eines Höheren Gesetzes). Hinzu kommen ferner hilfreiche Yoga-Techniken, durch die man sich besser fühlt, so dass man überhaupt das Verlangen bekommt, die Yamas und Niyamas selbst zu befolgen – sofern das noch nötig ist. Auch gute Gedanken tragen schon zur atmosphärischen Verbesserung mit bei. Der Wunsch nach einer gerechteren Welt, in der keiner – in welchem Land auch immer – hungern muss oder für seine Arbeit unter dem Lebensminimum bezahlt wird, ist verbreitet. Geben wir diesem Wunsch öfter Ausdruck!

 



Copyright für alles Hella Naura

 

Ein zufriedener Tag wie viele
 

Beim Hausmeister wegen plötzlich miserablen Fernsehempfangs erkundigen, abgehakt..... Anruf beim Finanzamt, weil trotz Bankwechsels noch die alte Kontonummer erscheint, abgehakt.... Mitgliedschaft in Gesellschaft kündigen, abgehakt..... Beschwerde bei Telefongesellschaft, weil sie ohne Vorankündigung um 80% erhöht hat, zwar nur die Zustellungsgebühr, aber so viel Frechheit muss widersprochen werden, abgehakt. Mit jedem Abhaken auf meiner Tagesliste von Erledigungen schrumpft der unerfreuliche Berg vor mir, der mir die Sicht auf Schöneres versperren würde. Nicht auf der Liste, aber sofort zu erledigen: Gebrauchsanweisung für Waschmaschine suchen. Vielleicht finde ich selbst heraus, warum sie gerade eben beim Schleudern ausgesetzt hat. Hurra, ich kann den Anweisungen folgen, wenn auch mit Schwierigkeit und innerer Beschwerde, dass auch das nun noch sein muss. Das restliche Wasser ist schließlich in den Eimer abgelassen. Nur das Pumpventil bekomme ich nicht herumgedreht. Aber morgen besucht mich Monika. Sie hat stärkere Hände als ich. Vielleicht kann sie helfen. Also „Monika bitten" auf eine neue Liste für morgen setzen. Die für heute ist erledigt, und ich werfe sie höchst zufrieden in den Papierkorb.

 

Es ist diese Zufrieden-mit-mir-selbst-Zufriedenheit. Je länger ich sie über die Jahre übe, desto leichter kann ich sie mir verschaffen. Keiner kann sie mir verpatzen. Egal, ob ich gerade in einer Sache Glück oder Pech hatte – , diese Art von Zufriedenheit ist mir immer sicher. Nun ja, fast immer. Denn an manchen Tagen bin ich zu lustlos oder energielos für mein selbstverordnetes Pensum. Dann nagt leichte Unzufriedenheit an mir, es sei denn, ich erteile mir selbst aus gutem Grunde Absolution. Dann lasse ich Disziplin und Anforderungen zeitweilig sein und gehe spazieren, statt zu arbeiten. Oder ich überspringe nur die ungeliebten Arbeiten, um gleich mit geliebteren am PC weiter zu machen. Und während ich so arbeite, breitet sich eine andere Art von Zufriedenheit aus, die stille Zufriedenheit, bei der ich an nichts anderes mehr denke. Einfach abrufbar ist allerdings auch sie nicht, denn manchmal lässt die Konzentration auf sich warten. Dies und das geht mir nebenher durch den Kopf. Es fließt nicht, und ich muss wieder löschen, was ich gerade mühsam formuliert habe. Doch ich stehe nicht mehr wie ein Sklaventreiber hinter mir und drangsaliere mich selbst, weil ich ein bestimmtes Ergebnis erzwingen will. Ich arbeite nicht länger als bis zur festgesetzten Zeit, auch wenn wenig herausgekommen ist. Wenn es fließt, vergesse ich oft die Zeit. Dann fange ich zu spät mit dem Kochen an, was zur Folge hat, dass ich zu spät esse, alles irgendwie verrutscht und ich mich um das volle Vergnügen des späten Nachmittags bringe.

 

Ich stehe also rechtzeitig in der Küche und mache endlich mal wieder neben dem Eintopf noch eine der Rohkostzubereitungen, die mir von Gästen immer Komplimente einbringen. Für mich allein nehme ich mir selten die Zeit dafür. Zufrieden macht mich auch, wenn ich die Petersilie sofort verwende, statt sie erst alt werden zu lassen. Wenn ich dann bei geöffnetem Fenster esse, bin ich sowieso fast immer zufrieden, ganz gleich, was sonst läuft. Nun brauche ich Bewegung, und es macht mir mehr Vergnügen, auf dem Platz vor dem Haus immer im Kreis zu gehen als in zwei geraden Linien von der anderen Seite des Hauses aus wie beim Morgenspaziergang. Ich beobachte, wie der von der Sonne beschienene Kreis im Verlauf des Herbstes immer mehr Schatten erhält und die Birken sich nicht mehr grün, sondern strahlend gelb vom Blau des Himmels abheben, um später Tag für Tag mehr von ihrer gelben Pracht zu verlieren. Auch der für eine kurze Weile glühendrote kleine Ahorn ist schon unscheinbar und kahl geworden.

 

Während ich dann die mit hoch gebrachte Post durchsehe, fühle ich den gewohnten Tiefpunkt nahen. Ihm zu widerstehen, wäre Quälerei. Ihm nachzugeben, heißt, ins Bett zu gehen. Wenn ich die Arme über dem Kopf lang ausstrecke, fühle ich mich trotzdem achselabwärts ganz genüsslich. Nur im Kopf geht es irgendwie dumpf, verstopft und widerstrebend zu. Ich döse oder schlafe, und im Kopf scheint es sich wieder zu lichten. Trotzdem fällt es schwer, aufzustehen und ein wenig zu arbeiten. Doch dann naht der Umschwung. Es ist Zeit für den Nachmittagstee. Noch vor wenigen Wochen konnte ich den rotbraunen, durchsichtigen Göttertrank bei hochstehender heißer Sonne auf dem Balkon trinken. Jetzt sitze ich manchmal am Fenster, um zu beobachten, wie die Sonne – schon weit nach Osten gerückt – zu sinken beginnt und der Himmel rosig wird. Wie schön sind aber auch bewölkte Himmel, wenn silberne Ränder um graue Wolkenberge aufleuchten oder Flecken von Rosa, Türkis und blassestem Gelbgrün zwischen Wolken zerfließen, bis langsam alles in ein tiefes Graublau versinkt.

 

Der Rest des Tages enthält noch etwa sechs Stunden mit einigem, worauf ich mich freue. Und jede Woche enthält fünf solcher Tage und noch zwei besondere. Jeder Monat enthält einen Vollmond, und jedes Jahr vier Jahreszeiten. So viele Anlässe für kleine Freuden liegen vor mir: eine Mondsichel im blassblauen Tageshimmel über der verschneiten Spielplatzwiese; ein irisierender Rand um den Hof eines Vollmonds; ein Meer von Apfelblüten, deren Weiß erst beim Nähertreten auch etwas Rosa enthüllt; die richtigen Bücher zur richtigen Zeit; Erkunden unbekannter Städte; Gespräche mit Fremden, in denen Gemeinsamkeit entsteht; Eintracht mit anderen bei Kuchen und Tee an einem schön gedeckten Tisch; die Verwandlung von huschenden Gedanken in Worte und Sätze, die andere nachvollziehen können...... Das alles und noch mehr an Freude und Zufriedenheit liegt vor mir, unabhängig davon, was im Außen geschehen mag. Ich muss nur dafür sorgen, dass ich empfangsbereit bleibe. Denn der schönste Anblick ist vergeudet, wenn ich ihn nicht bemerke; eine auftauchende Einsicht nützt nichts, wenn ich zu zerstreut bin, um sie wirklich zu fassen zu bekommen; und kein Mensch kann mich freuen, wenn ich voller Ressentiments bin.

 

Ich brauche sehr viel Zufriedenheit, damit Ärger und Empörung über so manches in meinem weiteren Umkreis nicht die Oberhand in mir gewinnen. Und ich weiß, dass ich meine Zufriedenheit nicht allein dem Zufall, günstigen Umständen oder anderen Menschen überlassen kann. Auch ein Glücksfall macht mich unter Umständen nicht lange glücklich, wenn sonstwie schlechte Gefühle in mir rumoren. Ich muss selbst dafür sorgen, dass ich möglichst oft und lange zufriedene Augenblicke erlebe. Die kultiviere ich so bewusst und überlegt, wie ein Gärtner ein Stück Land kultiviert, so dass dort Blumen wachsen können statt Unkraut. Aus Erfahrung weiß ich, was meine Zufriedenheit besonders stören kann: Hast, Erschöpfung, Versteifen auf irgend etwas, Frieren, Hungern, Kopfschmerzen und Erkältungen. Deshalb tue ich einiges, damit all dies gar nicht erst auftauchen kann.

 

Wenn doch nur Zufriedenheit und alles, was sie fördert, als ein höchst nötiges und weithin wirkendes Lernfach anerkannt würde! Und wenn es doch genügend Menschen gäbe, die es vermitteln könnten, dann wäre die Welt ein sehr viel anderer Ort. Wie viel vergebliche Jagd über Leichen hinweg nach Glück würde dann gar nicht stattfinden. Wie viel Verführbarkeit und Korruption entstünden gar nicht erst. Wie viele Ersatzbefriedigungen und Süchte würden nicht der Gesundheit schaden. Wie viel enttäuschender, seelenloser Sexkonsum, angetrieben aus Leere, Einsamkeit und Angst, etwas zu verpassen, entfiele von selbst. Wie viel Machthunger, Geldgier und Neid kämen nie auf. Wie viel Ruhelosigkeit würde nie plagen..... wenn man einfach nur oft mit sich selbst und anderen zufrieden wäre.

 

Nun ja, wenn das Wörtchen Wenn nicht wär, wär' die Welt nicht so verquer.... Dabei ist die Welt überhaupt nicht verquer! Sie ist sogar ganz staunenswert wunderbar. In allem, in was Menschen noch nicht in kurzsichtiger, unweiser und selbstbesessener Art ihre Finger haben stecken können, ist sie ganz unvorstellbar großartig in Ordnung. Sie ist so sehr in Ordnung, dass unsere Erde schon seit vermutlich fünf Milliarden Jahren die Sonne umkreist, ohne je von ihrer Bahn abzuweichen. Täte sie es, wäre es ganz schnell aus mit uns. Innerhalb von Stunden wären all unsere Berechnungen und hochfahrenden Errungenschaften zu nichte gemacht. Statt uns umgeben von Luft, Wasser, Nahrung, Wärme und Schönheit auf festem Grund unseres Lebens freuen zu können, würden wir in apokalyptische Vernichtung stürzen, in lodernde Feuer oder himmelhohe Flutwellen. Doch nicht nur unsere gute Erde zieht verlässlich ihre Bahn, auch unsere Sonne hält ihren ordnungsgemäßen Abstand zu uns ein. Täte sie es nicht, so könnten wir im Nu verglühen oder in eisigen Finsternissen erstarren. Und sogar sie, Mittelpunkt und Spenderin unseres Lebens, hat ihren Mittelpunkt, um den sie sich bewegt, wobei sie unser ganzes Sonnensystem mit nimmt.

 

Milliarden von Sternen sind ihr ähnlich, und in einem Weltall von unvorstellbaren Dimensionen ist alles mit einander verbunden. Aus den Tiefen dieses Rätsels kommt Zeit, die bis zu meinem Heute reicht, und Raum, der bis zur Erde unter meinen Füßen reicht. Und bis in meinen Körper hinein reicht die Materie der Welt mit ihrer transformierenden Energie. Jeder Tropfen Flüssigkeit in mir ist wohl so alt wie die Erdatmosphäre und war mal Meer, Wolke, Regen, Grundwasser und Pflanzensaft. Wie sollte ich also nicht zufrieden sein bei dem Gedanken, dass ich einen Platz in so einem wunderbar trilliardenhaft vernetzten Zusammenhang habe und in so eine Welt hinein gehöre.


Ende

 

Der folgende Artikel kann leider aus Zeitmangel nicht ins Deutsche übersetzt werden.

 

My Old Slippers

 

I cannot easily throw things away. Even if something has a small hole in it, I still wear it up to the last. Years ago, I got some white house-slippers made of terry-cloth with a very thin rubber sole from a very fine hotel. I took these slippers on my recent visit to The Yoga Institute in Mumbai, meaning to wear them in the house, because even in the greatest of heat, walking bare-footed over cold stone-floors is likely to cause a common cold with me. Thus I would use up the slippers and throw them away before leaving India for home again. When that day came, the snowy-white upper part had turned grey and the inside part of the soles showed a really ugly dark brown, which seemed far away from ever getting clean again. Still I could not part with the slippers. Even the people who would eventually search through the garbage heaps for anything recycable, would not see any use for them, as they were made to be worn on soft carpets or ever clean and dry bathroom floors only. So the slippers would totally go waste, even though not one stitch had come loose yet and not one thread was sticking out from the nice little embroidery showing the hotel's embleem, a fan. This went very much against my feelings.

 

S. Radhakrishnan has written something to the effect that civilization goes down the moment the worth of human work is no longer respected. It might seem very exaggerated to see a connection between throwing away some used, dirty, complimentary, and totally machine-made slippers and the fall of a civilization, and I agree that it is exaggerated. Yet in a very wide sense there is a connection. On travels to different countries I have noticed how much skill and talent that was formerly contained in the work of artisans and craftsmen has been lost in our times. At many places, that which had taken centuries of years to develop has disappeared over the short period of the just some 40 years of my watching, be it traditional ways of dress-making, knitting, crocheting, cloth-printing, patchwork, rug-weaving, ceramics or whatever. All the artisans that once had the satisfaction of producing something beautiful which was also full of meaning to them and to those who bought their manufacture (colours, materials, patterns etc. all telling their own story as to origin and symbolism) have become utterly abundant, losing their livelihood and pride of doing. That machines can do their work so much faster and cheaper is not the whole reason for this sorry fact. The other part of the reason is that there has been a relentless brainwashing going on, done hand in hand by industry, marketing, media, and advertising and spreading from one country to the next. The message is: „Buy, consume, have something new more often, despise the old, outdo your neighbour, strengthen your image, be the first to have, own something others do not own yet, follow the fashion-leaders" and so on. Of course, this message would not be repeated in countless variations unless it was readily heard and followed.

 

But what does this have to do with the state of a civilization?, one might ask. Is this not just a little matter of human vanity, of wanting to beautify and distinguish oneself from others? No, it is not just that. This constant brainwashing does affect the life of a society thoroughly via changing views, values, and conduct of its members. The product as such becomes all-important, the work contained in it becomes negligible, and the human being becomes nothing but a consumer, someone to use and be used. In German cities, many youth of both sexes work part-time after school. Time that should be used for education as a preparation for adult-life is used for earning money. And this money is spent on nothing more vital than buying clothes (and affording talking on mobile phones). And the clothes are so expensive because the youth are not satisfied to dress themselves just according to their own aesthetic likings, which can be done relatively cheaply if one waits for sales. The youth (just as their parents, too) want certain labels. And they want them at once. To wear a certain label often decides over the position and degree of acceptance by peers for the wearer. These labels usually do not represent quality, good workmanship or long duration. They represent dreams. Not good work or fine material is paid for so dearly but the illusion „Wearing this label, I get respected. Wearing this label, I belong to the group I want to belong to. Wearing this label, everyone can see that I can afford to pay for it." Recently I heard on the radio that there are girls in Kyoto in Japan who offer themselves for sale after school. The money thus earned, they use on buying certain clothes! Thus the worshippers of things that no longer represent work, skill, worth or necessity but make-believe and perversion have turned into things themselves, things that are bought, used for a moment, and thrown away.

 

A society with a large percentage of such members, with values such as earning money by no matter what means, immediate wish-fulfillment, and identifying oneself by buying and consuming as dictated by others and subconscious urges will naturally become unable to see the worth of hard, patient, and ongoing work. It will not understand the need for self-culture and it will eventually extend its attitudes towards things to human beings. „Cash and carry!" „Use and dispose of!" „Ex und hopp", as we Germans express it – this will one day equally apply to machine-made products, elaborately hand-made articles or human relations. With this, all respect other than „respect" for money, prominence, and big names and labels in the widest sense will be lost. Respect for elders will naturally be lost, too. The fact that old people, whatever else they may have done, have worked longer already on the difficult work of trying to live a decent, meaningful life than anyone junior to them and have eventually lost their strength over this hard work, cannot be appreciated by a mind that tends to fast consumption.That a society composed largely of such members is on a downward trend, as S. Radhakrishnan implies, is obvious.

 

So to revert to my slippers: I took them back home. I scrubbed them by hand watching particles of Indian soil going down a German drain, and then put them together with other washing into the washing machine. They came out a little torn now but white, and they will do good to my feet for some more time to come.

 

 

Gedanken über Werte in Zusammenhang mit der Europäischen Union

(Mai 2006)

 

Wenn Europa mit einer Stimme sprechen soll, dann wünscht sich der denkende Teil der Öffentlichkeit, dass seine Vertreter deutlicher aussprechen, was sie denn einstimmig vertreten. Was durch die Medien für die durchdringt, die nicht enger mit der Materie befasst sind, ist lediglich dies: Alle Länder erhoffen sich durch ihre Mitgliedschaft wirtschaftliche Vorteile. Das ist verständlich. Nur ahnt wohl jeder, dass es etwas mit nur Vorteilen nicht gibt, da alle Medaillen nun mal zwei Seiten haben. Wenn alle Länder nur erhoffen, etwas zu bekommen, aber kein Land sich Gedanken macht – zumindest erfährt die Öffentlichkeit nichts davon – , was es beizusteuern hätte und geben möchte, dann ist kaum zu erwarten, dass ein solches Projekt echte Begeisterung statt nur Berechnungen wecken kann. Von Ideen und Zukunftsbildern, die neue Energien wecken könnten, erfährt die Öffentlichkeit auch nichts. Was vermittelt wird, ist nichts anderes, als was sich in Zahlen – Investitionen, Subventionen, Marktvorteilen, Exportsteigerungen, Weltstellung etc. – ausdrücken ließe, plus Bürokratie. Nicht wenige befürchten wohl, dass sich vieles im Zusammenhang mit der EU verselbständigt hat, um eigenen Zwecken ohne Rücksicht auf das Ganze zu dienen. Wenn Parlamentarier, Beamte, Bürokraten ihre Arbeit und Verantwortung darin sehen, getrennte Toiletten in fernen Kleinstbetrieben, EU-Gütehinweise für Mineralwasser und dergleichen zu ersinnnen und aufwendig und vielsprachig durchzusetzen (und dann teilweise wieder zurück zu nehmen), dann kann bei vielen Bürgern nur noch Resignation entstehen. Auch die Befürchtung, dass Lobbyisten zu viel Einfluss haben, könnte verbreitet sein. Lösungen für die brennenden Probleme unserer Zeit zu finden, traut man einer solchen Institution nicht recht zu.

 

Nur durch das Leid des 1. Weltkrieges wurden genügend Menschen aufgerüttelt, um sich der schwierigen Aufgabe von mehr Einigkeit und weniger (nationalem) Egoismus zu stellen. So konnte der Völkerbund entstehen. Doch der war zu schwach, um dem Austritt Deutschlands etwas entgegen setzen und eine Entfesselung von Kräften der Zerstörung und Menschenverachtung verhindern zu können. Das noch maßlosere Leid des 2. Weltkrieges rüttelte wiederum genügend Menschen auf, mehr Einigkeit zu versuchen, wenn auch aus keinem inspirierenderen Grunde, als die Wirtschaft voran zu bringen und sich besser vor möglichen künftigen Kriegen zu schützen. So wurde die Idee eines vereinten Europas vorangetrieben. Doch nur Suche nach Schutz und wirtschaftlichen Vorteilen – so unverzichtbar diese sind – reichen wohl nicht als Motivation aus, um eine Vereinigung so stark und einig zu machen, dass sie künftigen Schwierigkeiten oder Gefahren standhalten könnte. So wird denn nun ein verbindendes europäisches Erbe mit gemeinsamen Werten beschworen. Worin diese jedoch genau bestehen, erfährt die Öffentlichkeit nicht.

 

Sein Christentum teilt Europa mit vielen Millionen Christen auf anderen Kontinenten. Sein einstmals vielfältiges und großes Kunstschaffen besitzt keinen typisch europäischen Charakter mehr. Was Europa noch jahrhundertelang auszeichnete, war Ideenreichtum und eine Dynamik, die dazu führte, dass Ideen auch auf die Realität übertragen und praktiziert wurden. So durchlebte Europa alles von Stammesgesellschaften über Stadtstaaten, kontinentübergreifende Reiche, Kaisertum, Feudalherrschaft, fürstliche Kleinstaaterei, Absolutismus, parlamentarische Monarchien, Kolonialreiche und Demokratien bis hin zu Diktaturen. Es erlebte finstersten Rückfall, aber auch den Humanismus der Renaissance. Es stellte fest Etabliertes durch die Aufklärung in Frage und erlebte die französische Revolution mit Idealen wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Es handelte mit Sklaven und hielt sich Leibeigene, sann aber über unveräußerliche Menschenrechte nach. Es durchlebte Phasen von Faschismus, Kommunismus und Sozialismus und veränderte die Rolle der Frau. Es exportierte viele seiner Ideen und Lebensformen in alle Welt und wurde für seine verwalterischen und technologischen Fähigkeiten nicht wenig in der Dritten Welt bewundert. Doch dieses große Europa brachte nicht nur unermessliches Leid über Nichteuropäer, sondern ersann auch noch in unseren Tagen KZ's auf eigenem Boden, zerfleischte sich selbst in zwei Weltkriegen und stand dem Krieg und Massakern im ehemaligen Jugoslawien hilflos gegenüber.

 

Könnte man behaupten, dass Europa in kultureller, ethisch-menschlicher und geistiger Hinsicht gegenwärtig kraftlos und unproduktiv ist? Könnte man behaupten, dass seine ihm zur Verfügung stehenden Energien nur noch für Wirtschaftstätigkeiten, nachahmerische Anpassung und Selbstschutzmaßnahmen auszureichen scheinen? Wirtschaftlicher Fortschritt allein muss aber an Grenzen stoßen, jenseits derer er zerstörerisch wird. Bloße Nachahmung erstickt Originalität und Identität oder lässt sie gar nicht erst aufkommen. Was den Selbstschutz anlangt, so hat er – weltweit – nicht nur mit objektiven Gegebenheiten, sondern auch mit subjektiven Gefühlen von Bedrohung zu tun.(Hoimar v. Ditfurth, gestorben 1989, vielfach für seine wissenschaftlich-publizistische Arbeit ausgezeichnet, ursprünglich Professor der Psychiatrie, sagt dazu Überzeugendes und kann es psychiatrisch-wissenschaftlich-politisch untermauern. Auch der ungarische Autor Franz Völgyesi zog zu seiner Zeit aus seinem Wissen als praktizierender Psychiater politische Schlussfolgerungen und sagte den 2. Weltkrieg voraus.) Die WHO hält Depression heute für die am schnellsten wachsende Krankheit, so dass demnächst jeder fünfte Europäer einmal an Depression erkranken würde. Sofern Depressionsneigung nicht durch besondere Stärken in Schach gehalten werden kann, geht sie allgemein einher mit Kraftlosigkeit und einer Wahrnehmung, die auf Negatives und Bedrohliches beschränkt bleibt. Von einem Europa mit nicht nur den geschätzten klinisch Kranken sondern noch dazu verbreiteter ganz alltäglicher Depressivität wäre nicht viel Positives und Konstruktives zu erwarten.

 

Ein depressives und folglich auch mit viel Misstrauen und Ängsten belastetes psychisches Klima setzt (selbst)-zerstörerische Kräfte sowie negative „self-fulfilling prophecies" frei. Dass diese schon seit längerem – nicht nur in Europa – wirken, zeigen Erscheinungen wie vielfache „Overkill"-Aufrüstung, Zerstörung von Lebensgrundlagen, Terrorismus, Folter und Rechtsverletzungen auf politischer Ebene sowie Krankheit, Suchtneigung, asoziales Verhalten und Grausamkeit sogar gegenüber Kindern auf privater Ebene. Diese Erscheinungen werden weithin als normale Aspekte der menschlichen Natur hingenommen, gegen die Protest oder gut gemeinte Bemühungen nichts ausrichten könnten. Diese Art von Fatalismus beruht jedoch nicht auf objektiven Tatsachen, an denen nicht zu rütteln ist, sondern wird in erster Linie vom subjektiven eigenen psychischen Empfinden mit diktiert. Was eine Mehrheit als normal oder abnorm, gesund oder depressionskrank ansieht, – das hängt davon ab, was sie fühlt (einschließlich Fühllosigkeit), und nicht von der Effizienz ihrer Wirtschaft oder Aufrüstung. Denn diese sind zu einem großen Teil nicht die Ursachen, sondern die Wirkungen von dem, was Mehrheiten fühlen und was sie folglich für unbedingt nötig halten und zu finanzieren bereit sind. Dieser menschliche Faktor bleibt bei ausschließlich politisch-wirtschaftlichen Sichtweisen unberücksichtigt.

 

Bislang bekommt die Öffentlichkeit vorwiegend den Eindruck, dass ein Europa der Zukunft nichts anderes sein wird als eine Verteidigungs- und Wirtschaftsgemeinschaft mit einigen herbei bemühten gemeinsamen „Werten". Wenn aber darüber hinaus nicht auch andere menschliche, d.h. emotionale und im weitesten Sinne gesundheitliche Aspekte berücksichtigt werden, dann scheinen innereuropäische Solidarität und künftige Lebensfähigkeit der EU zweifelhaft. Ein Europa, das weitgehend nicht einmal Solidarität innerhalb seiner einzelnen Mitgliedsländer zustande bringt, scheint wenig fähig zu einer umfassenderen Einheitsbildung. Ein Europa, das sich – so kann es jedenfalls scheinen – nur dadurch halten kann, dass es seine Überwachungssysteme ausweitet und sich gegen den Hunger anderer unbarmherzig abschottet, ein solches Europa kann sich auf keine großen Sympathien stützen. Ein Europa, das teilweise schon seine Ungeborenen als Wirtschaftsfaktor berechnet; großen Teilen seiner Jugend nichts zu bieten hat und seine Alten als finanzielle Last diskreditiert; ein solches Europa wäre wenig. Ein Europa, dessen nationale Regierungen sich die eigene Bevölkerung durch Polizeischutz vom Leibe hielten, ein solches Europa wäre wenig. Es könnte kaum seine mitmenschlich, ethisch, geistig und kulturell eher unterernährten und mit bloßen Zahlen, Kostenberechnungen und Angstanlässen überfütterten Massen zu verantwortungsvollem und solidarischem Handeln motivieren.

 

Was wäre ein solches Europa? Vielleicht wäre es nur ein gesetzlich hergerichteter Ort für die Aktionen von multi-nationalen Wirtschaftsgiganten, die ihrer Natur nach keiner Nation und keinem Kontinent Loyalität schuldeten, und ihren Arbeitnehmern natürlich auch nicht. Profitsteigerung, ob real oder nur auf dem Papier, und Abwälzung von Kosten würden zum wahnwitzigen Selbstzweck, der die Ressourcen dieser Erde verschlingt und die Entfaltungsmöglichkeiten von Menschen zertrampelt. Europa – ein Ort für kulturellen Einheitsbrei und minderwertige leibliche Nahrung, hergerichtet in einigen wenigen Zentralküchen und zum Verzehr abhängig von IT, Kühlung und Transport, und diese wiederum abhängig von Strom- und anderen Energielieferanten. Europa – zerschnitten von Transportwegen, vollgebaut mit Flughäfen, Prestigeprojekten, Hotels, Golfplätzen und Luxusbehausungen. Europa – voller künstlicher Landschaften, beheizt und unter Glasdächern, und hier und da noch ein wenig echte Natur zur staunenden Besichtigung. Europa – ein riesiges Spinnennetz, in dem alle – Reiche wie Arme – sich zappelnd verfangen hätten, bar jeder Eigenständigkeit und Selbstbestimmung und wie in Kafkas „Schloss" anonymen Mächten ausgeliefert, die sie nie zu sehen oder zu erkennen bekämen.

 

Könnte ein gemeinsamer europäischer Wert nicht ein Mut zu neuem Denken sein? Es wäre der Mut, ein zu einseitiges Denken zu korrigieren, das Naturwissenschaft und Technologie eine Vormachtstellung eingeräumt hat, die inzwischen die elementarsten Interessen des Menschen bedroht. Ohne den Mut, eine Art von geistiger und moralischer Erneuerung zumindest zu versuchen, gerät der Mensch immer tiefer in die Lage von Goethes „Zauberlehrling", der sich von den von ihm selbst herbei gerufenen Geistern nicht mehr befreien kann. Jeder Organismus geht nach einer Wachstumsphase zwangsläufig dem Verfall entgegen. Für ein nur von krassem Materialismus, mörderischem Wettbewerb und letztlich Angst bestimmtes Wachstum könnte der Verfall nahe sein. Der Jesuit und Paläontologe Teilhard de Chardin meinte schon vor über 60 Jahren, dass die Wissenschaft „eine ganze Dimension des Universums vernachlässigt – die Dimension des Menschen." Was er über die Evolution von Lebensformen an sich sagt, lässt sich wohl auch auf das ganz allgemeine Leben unserer übertechnisierten Gegenwart übertragen: „Spezialisation lähmt und Überspezialisation tötet."

 

Vielleicht gibt es genügend namenlose, nur leider nicht in Erscheinung tretende Menschen in Europa, die in der Schaffung einer mitmenschlicheren Zukunft einen großen Wert sähen. Vielleicht ließen sich genügend dazu motivieren, an einer weniger von kaltem Materialismus diktierten Gesellschafts- und Lebensform mit zu arbeiten. Dann könnte ein besseres Europa weiter wachsen. Die Entgegnung: der Mensch ist nun mal des Menschen Wolf und lässt sich letztlich nicht ändern, zeigt nur die eine Seite der Medaille. Der Mensch ändert sich sehr wohl, nur meistens so langsam, dass leicht übersehen wird, dass der Mensch von heute nicht mehr der ist, der im Neandertal hauste. Das gern ins Feld geführte darwinsche „Überleben des Stärkeren", mit dem sich rücksichtsloser Egoismus sogar in einen Stärkebeweis und als praktisch naturgesetzlich umdeuten lässt, gilt nur für die niederen Lebensformen, z.B. im Tierreich. Teilhard de Chardin sieht die Evolution als gleichbedeutend mit einem „Aufstieg des Bewusstseins". Die andere Seite der Medaille des zur Selbstbesessenheit und damit Egoismus neigenden Menschseins besteht also darin, dass der Mensch nicht so bleiben muss, „wie er nun mal ist". Er selbst kann etwas dazu beitragen, um seine von der Evolution bezweckte Bewusstseinsentwicklung zu beschleunigen. Und, so sagt Teilhard de Chardin, je mehr Bewusstsein desto größer die „Einigungswirkung".

 

Die technologischen Fähigkeiten des Menschen haben – einem geringen ! Teil der Weltbevölkerung – viele Verbesserungen und Erleichterungen bringen können. Sie haben aber einen Punkt erreicht, vielleicht überschritten, wo das ihnen zu Grunde liegende Denken selbstmörderisch wird. Denn die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins hinkt weit hinter der zu einseitigen Entwicklung des Intellekts hinterher. Die von Machbarkeit und materiellen Superlativen besessene „Wissensgesellschaft" weiß zwar einiges. Leider weiß sie aber nicht, was sie tut. Sie hat das technologische Wissen, immer mehr zu tun und ihre auf der Erde ungelösten Probleme bis auf andere Planeten verlagern zu wollen. Gleichzeitig aber fehlt es in bedrohlichem Maße an Bewusstsein dessen, was sie damit eigentlich tut und anrichtet. Wie Teilhard de Chardin sagt: „Ganz gewiss, das Tier weiß. Aber sicher weiß es nicht, dass es weiß. Das aber macht das Wesen des Menschen aus, dass er ein Bewusstsein seines Bewusstseins hat."

 

Letztlich müsste also Europa die Förderung einer Bewusstseinskultur (die etwas ganz anderes ist als eine Anhäufung von Informationen) als nötigsten aller Werte anerkennen. In dem Maße, in dem das geschähe, würde Europa seine Chancen erhöhen, eine tragfähige und für alle lebenswerte Gemeinschaft zu werden. Eine solche Bewusstseinskultur wächst aber schwer auf der Grundlage einer verbreiteten eher ungesunden psychischen Verfassung von Depressivität, Bedrohungsgefühl, Aggressivität, Berührungsängsten, Misstrauen und Selbstentfremdung sowie Fremdsein im eigenen Körper, Schmerz und Krankheit. Deshalb müsste zu allererst Gesundheit – im weitesten Sinne, d.h. körperlich, emotional und geistig – als Wert und unerlässliche Voraussetzung anerkannt werden. Diese Gesundheit ist aber nicht zu haben ohne Erziehung – ebenfalls im allerweitesten Sinne. Eine Erziehung, die sich allein am Bedarf der Wirtschaft orientieren würde, wäre nur ein kümmerlicher Schatten dessen, was Erziehung sein könnte und sollte.

 

E n d e



 

 

Copyright für alles: Hella NAura

 

 

 

 

Trend: Vom Gröberen zum Subtileren,

 

vom Äußeren zum Innerlicheren

 

Hella Naura

 

Teilhard de Chardin, Jesuit, Paläontologe, Geologe, Denker und Schriftsteller des letzten Jahrhunderts (1881-1955), den man heute (unter anderem) als „Bewusstseinsforscher“ allerhöchsten Grades bezeichnen würde, nannte als Sinn und Richtung der noch ständig vor sich gehenden Evolution einen zunehmenden „Bewusstseinsaufstieg“. Wie durch eine kosmische Welle bewirke die Evolution immer mehr „Anordnung und Verinnerlichung“. Können auch geringere Geister ein knappes Jahrhundert später diese Aussage durch Fakten bestätigt finden? Ja. Der Trend der Jahrhunderte und besonders des letzten zeigt eine kontinuierliche Zunahme an Wissen und an gesellschaftlichen Zusammenschlüssen (Initiativen, Gewerkschaften, Parteien, NGO’s, Institutionen, internationale Organisationen usw.) sowie eine Entwicklung vom Gröberen zum Subtileren, d.h. vom Äußerlicheren zum Innerlicheren, also von dem, was den fünf Sinnen unmittelbar zugänglich ist, zu dem, was sich nur dem Geist an Verborgenem, Ursächlichen, schließlich nur noch Denkbarem erschließt.

 

Von der Keule zur Atombombe

 

Diese Entwicklung gilt von der Kriegsführung und Wirtschaft über die Produktion bis zur Medizin. So beließen es wachsende Bewusstheit, Intelligenz und Erfindungsgeist z.B. nicht bei Steinen, Keulen und Spießen, um Mitglieder der eigenen Art zu bekämpfen. Menschen erfanden das Schießpulver, zu dessen Herstellung die Möglichkeit von Verbrennung ohne Luftsauerstoff erkannt werden musste, sie erfanden Kanonen, für die Flugbahnen zu berechnen waren, und sie schritten voran zu Vernichtungsmitteln, die dem bloßen Auge nicht mehr sichtbar sind, wie chemische und biologische Waffen, und schließlich zur Atombombe, die die Geheimnisse der Materie an sich berührt. Im Geldverkehr wurden sichtbares, solides Gold und Silber von unedlem Metall und Papier abgelöst, und der darauf folgende bargeldlose Verkehr kulminiert heute in virtuellen Transaktionen und Vermögen. Neben handfeste Produkte, die den Lebensnotwendigkeiten sowie dem Verlangen nach Luxus dienten, traten im Laufe der Jahrhunderte in stetiger Entwicklungsbeschleunigung Telefon, Radio, Fernseher, Computer, Handys und weitere Kommunikations- und Unterhaltungsmittel, die auf rasant zunehmender Kenntnis und Nutzung unsichtbarer elektromagnetischer Wellen bzw. einem zu ersinnenden binären Prinzip beruhen. Auch die Medizin begnügte sich nicht mehr mit dem, was ihr die Natur als Arzneimittel anbot. Sie begann, Stoffe zu synthetisieren, Antibiotika gegen nur unter dem Mikroskop erkennbare Kleinstlebewesen zu entwickeln und Bestrahlungen und Laser-Chirurgie einzusetzen.

 

Entdeckung von inneren Kräften

 

Sigmund Freud löste um 1900  mit seiner Erfindung der Psychoanalyse eine Wissensrevolution aus, die sich trotz anfänglicher Anfeindung wie ein Buschfeuer auf allen Kontinenten verbreitete. Nach ihm konnten so unterschiedliche Wissenszweige wie Medizin, Therapie, Erziehung, Ethnologie, Literatur oder Kunstkritik nicht mehr übersehen, dass es neben dem äußeren Menschen, einem vergleichsweise gröberen, wenn auch hochkomplexen Mechanismus aus milliardenfach ineinander greifenden biochemischen und physikalischen Abläufen, auch einen inneren Menschen gab, der von subtileren psychischen Kräften bestimmt wurde. Nicht nur die materiellen, wirtschaftlichen Umstände eines Menschen bestimmten sein Bewusstsein, wie Karl Marx postuliert hatte, sondern sein Bewusstsein, genauer gesagt, sein ihm selbst unbekanntes Unterbewusstsein trieb ihn – vielleicht mehr noch als äußere Umstände – ebenfalls zu bestimmten Gedanken, Worten und Taten an. Diese Erkenntnis machte sich die Werbung schnell zunutze, so dass fortan potentiellen Käufern nicht mehr nur handfeste Produkte angeboten wurden, sondern Ideen, Träume, Labels und Images. Auf subtile Weise sprach die Werbung dabei die oft unbewussten Wünsche von Menschen unter Ausschaltung ihrer Vernunft an.

 

Doch nachdenklichere Menschen wollten es nicht dabei belassen, nicht Herr im eigenen Körper-Haus zu sein, d.h. großenteils von psychischen Kräften bestimmt zu werden, von denen sie selbst nichts wussten. So breitete sich die Erforschung der Psyche und später die von Bewusstseinsvorgängen an sich aus, einschließlich der Frage, ob Bewusstsein nur im stofflichem Gehirn oder aber in etwas Unstofflichem, Immateriellem besteht. Dieses für ein größeres Publikum neue Interesse (Denker, Künstler und wahrhaft Liebende waren darin immer schon voran gegangen) nicht nur an den verlockenden, die Sinne ansprechenden, handfesten Dingen dieser Welt, sondern auch an dem, was sich unsichtbar nur in den Gedanken und Gefühlen eines Menschen abspielt, begann schleichend ein Ost-West-Verhältnis zu verändern. Jahrhunderte lang hatte der Westen den Osten mit seiner staunenswerten Technologie bei der Meisterung der äußeren Natur dominiert. Doch in der Meisterung oder zumindest bewussten Beeinflussung der inneren Natur war der Osten dem Westen voraus. „Meditation“, was immer auch materialistisch geprägte Menschen darunter verstehen mochten, wurde in vielen westlichen Ländern in rasantem Tempo von einer angeblichen Sache für Aussteiger, Exoten und Esoteriker zu einer Sache, die heute fast jede Volkshochschule anbietet. Yoga verbreitete sich schnell; Tai Chi und Chi Gong fanden viele Anhänger; Akupunktur, Reiki und andere Techniken werden angeboten und genutzt. Sie alle finden langsam Eingang in die Behandlung von Kranken und werden von der auf Medikamente und Geräte schwörenden Schulmedizin nicht mehr nur belächelt. Allen diesen östlichen Methoden ist gemein, dass sie den inneren Menschen wichtig nehmen und in unterschiedlichem Maße darauf abzielen, auf dem Wege über den stofflichen Körper unsichtbare Energiebahnen und über diese den Geist zu beeinflussen.     

 

Bloße Mode oder Zeitgeist?

 

Ist diese neue Perspektive, den Menschen nicht nur als einen, wenn auch höchst raffinierten bio-chemischen Komplex zu sehen, sondern auch als ein psychisches Wesen, das je nach seinem Bewusstseinsstand ebenso zu Mord und Totschlag wie zu höchstem Mitgefühl und Altruismus fähig ist, nur ein  Trend, der irgendwann von einem anderen abgelöst werden könnte? Das ist unwahrscheinlich, denn Trends nehmen eine Mittelstellung ein zwischen bloßen schnelllebigen Moden einerseits und Äußerungen des Zeitgeistes andererseits, d.h. der Denk- und Fühlweise, die eine längere Zeitspanne hindurch in einer Gesellschaft oder einem ganzen Erdteil vorherrscht. Moden betreffen in erster Linie sichtbare Dinge, wie Kleidung, Einrichtung, Schmuck oder Nahrung usw. Sie sind machbar, weil sie durch ein zur Verfügung stehendes Angebot und Werbung forciert werden können. Auf das Denken der Menschen, abgesehen von ständig wechselnden Wünschen, gedankenlosem Mithaltenwollen oder Nachplappern – denn auch Meinungen können durch mediale Verbreitung gelegentlich zu Modeerscheinungen werden – , haben Moden jedoch wenig Einfluss. Dazu fehlt es ihnen an Subtilität, da sie vorwiegend die Sinne ansprechen, nicht aber den Geist mit seinen Komponenten von Überlegung, Vernunft, Unterscheidungsvermögen oder Entscheidung. Anders verhält es sich mit Trends. Diese beinhalten eine Richtung; sie bewegen sich auf etwas Zukünftiges hin und sickern in das Denken der Menschen ein.

 

Doch woher beziehen Trends ihre Richtung? Was gibt ihnen Nahrung? Eben der Zeitgeist. Dabei erhebt sich jedoch die Frage, ob dieser Zeitgeist nicht mehr ist als nur der „Niederschlag des geschichtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens, der sich als objektiver Geist in der Geschichte entfaltet“, wie man in Nachschlagewerken der Philosophie lesen kann? Demnach wäre der Zeitgeist in erster Linie ein Ergebnis. Wer oder was ist jedoch der Verursacher? Hält man sich an den eingangs genannten Teilhard de Chardin, so hat das ganze Universum eine Richtung, in die der Mensch mit hinein genommen ist. Er schreibt: „Nunmehr aber ist für jeden modernen Geist für alle Zeiten das Bewusstsein – der Sinn – für eine universelle, absolut spezifische Bewegung entstanden… deren besondere Krümmung darin besteht, das, was sich in ihr bewegt, immer mehr anzuordnen….eine Bewegung der wahrhaften Genese, wie sie sich … additiv in einer einzigen möglichen Richtung ausdehnt: der eines Ultra-Bewusstseins, das für unsere planetare Erfahrung in Termini des Ultra-Humanen aussagbar ist.“ Demnach wäre auch der Zeitgeist als eine geordnete Zusammenhäufung vieler Faktoren eine Äußerung einer universellen Bewegung in Richtung von mehr Bewusstsein und Humanität. Mehr Bewusstsein und Humanität müssten sich demnach auch in neu entstehenden Trends ausdrücken. Ist dies tatsächlich der Fall? Ja.

 

Mehr Mitgefühl

 

Es war ein Fortschritt für den menschlichen Geist, als die französische Revolution vor gut 200 Jahren Menschenrechte und „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ verkündete. Doch daran, dass die Sklaverei fortbestand, änderte diese noble Losung damals noch nichts. Weiße waren sich einfach nicht bewusst, dass Schwarze gleichberechtigte Mitglieder einer einzigen Menschheit sind, so dass sie sie ganz ohne schlechtes Gewissen ausklammern und nicht als Menschen sondern als Sachen behandeln konnten. Doch seither hat das Verständnis des Mitmenschen und seine Behandlung tatsächlich an Bewusstheit und Humanität gewonnen. Zwar existiert Menschenhandel nach wie vor, aber in viel kleinerem Maße. Und er wird geächtet. Es sind nicht mehr respektierte Bürger, die direkt oder indirekt (durch Reedereien und Plantagenbetrieb) daran verdienen, sondern Menschen, die allgemein als kriminell empfunden werden. Menschenverachtendes Verhalten –  von Schleppern und Zuhältern über Fabrikbesitzer der Schwellenländer bis zu Multikonzernen und Bankhäusern –  gibt es wie eh und je, aber ebenso sind Einzelne sowie Organisationen hinzugekommen, die zumindest versuchen, dem entgegen zu treten. Man kann heute sagen, dass es anders als in früheren Zeiten für alle Missstände auch Bemühungen gibt, sie zu verringern oder ihren Opfern zu helfen. Verschuldete werden nicht mehr in den Schuldturm geworfen, Geisteskranke nicht mehr wie Tiere behandelt, Kriminelle nicht mehr alleinig als Täter, sondern manchmal auch als Opfer behandelt. Der Begriff der Empathie, d.h. des Sich-einfühlens in andere, wurde schnell aufgegriffen und die immer wieder verkündete Botschaft von mehr Mitgefühl des zu allgemeiner Popularität aufgestiegenen Dalai Lama wird akzeptiert –  wenn sie natürlich auch nicht auf bloßen Wunsch hin gleich in die Tat umgesetzt werden kann. Wenn auch Papst Franziskus eine „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ beklagt, so ist doch die Tatsache, dass er als ein bescheidener, mitfühlender, nicht-europäischer Mensch überhaupt zum mächtigsten Mann der katholischen Christenheit gewählt wurde, ein hoffnungsvolles Zeichen.   

 

Erst vor fast einem Jahrhundert zerfleischte sich Europa in zwei Weltkriegen selbst, doch mit heutigem Stand hat es 28 Länder in sich vereint. So mangelhaft und großenteils von wirtschaftlicher Gier bestimmt diese Vereinigung auch sein mag, so kann man in ihr eine weitere Manifestation der nach Teilhard de Chardin universellen Richtung auf mehr Vereinigung hin sehen, die er als eine Wirkung von „Bewusstseinsaufstieg“ und „Verinnerlichung“ sieht.

 

Zukünftige Trends

 

Welche Rückschlüsse lassen sich aus dem bisher Gesagten ziehen? Die Egalisierung der Gesellschaft – Ehen zwischen Monarchen und Bürgerlichen, Angleichung der Geschlechter, Homo-Ehen, Verschwinden von Klassenunterschieden, Duzen zwischen Dozenten und Studenten – wird sich wohl fortsetzen. Äußere Faktoren, wie gesellschaftliche Stellung, Reichtum, Hautfarbe, Nationalität, könnten künftig weniger darüber bestimmen, mit welchen Mitmenschen man sich zusammen schließen möchte, als gemeinsame Interessen und Weltanschauungen, wobei das Internet eine kontinentübergreifende Rolle spielt. Der Schutz der Umwelt sowie der Tier- und Pflanzenwelt könnte der Allgemeinheit, wenn auch noch nicht der Politik, ein immer größeres Anliegen werden. Die Heilkunde – auch entgegen politischer Förderung – könnte sich weiter sanften, alternativen Methoden zuwenden, die erfordern, dass der Mensch aktiv mit zu seiner Gesundheit beiträgt statt sich nur passiv verarzten zu lassen. Östliche Methoden einschließlich Entspannung und Meditation setzen sich wohl weiter durch. Das Verständnis eines nach Menschenbild vorgestellten, von Klerikern praktisch verwalteten Gottes wird wohl weiter abnehmen zugunsten von Philosophie (wie das schnell wachsende Interesse am Buddhismus zeigt) oder einer Religion im „höchsten kosmischen Sinne, dem kein menschenartiger Gottesbegriff entspricht“, wie das Geistesgenie Albert Einstein es ausdrückte. Zum Kampf um Märkte und Käufer könnte immer mehr ein Kampf um Gefolgschaft und Gleichgläubige kommen, wie der wachsende Islamismus ebenso wie diverse Führer und Gurus der unechten Art zeigen.

 

Zu hoffen bleibt, dass nicht immer mehr europäische Regierte Gründe sehen, gegen ihre eigenen Regierungen zu demonstrieren. Zu wünschen bleibt, dass sich immer mehr Meinungsbildner Gedanken machen über das, was der König von Bhutan sagte. Befragt nach dem Bruttosozialprodukt seines materiell armen Reiches antwortete er, dass ihn das weniger interessiere als das Bruttosozialglück seiner Bürger. (Und er schritt auch zur Tat und schickte Ermittler seines Ministeriums für Glück mit rund 1 000 Fragen durch sein Reich, um Lebensumstände, Wünsche und Sehnsüchte, Psyche und Spiritualität der Menschen zu erkunden. Modernisierung und Öffnung zur Welt, ja. Aber nicht um den Preis des Seelenverkaufs!)     

 

 

 

 

        

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