Aus Heft Nr. 86, Juni 2017:

 

„UNSERE Zeit schlägt sich in Sinnlosigkeiten herum wie ein gefallenes Pferd in seinen Strängen. Auf die Füße kommt das Pferd erst wieder, wenn man es abschirrt und beim Kopfe aufrichtet. Auf die Füße kommt unsere Welt erst wieder, wenn sie sich beibringen lässt, dass ihr Heil nicht in neuen Maßnahmen, sondern in neuen Gesinnungen besteht.“ Diese Worte vom „Urwald-Doktor“ Albert Schweitzer (1875-1965), die schon einmal in „Y.u.g.G.“ gebracht wurden, sind weit über ein halbes Jahrhundert alt.

 

Vielleicht kommt das Pferd ja endlich wieder auf die Füße. Dann könnte es anfangen, durch trübe Gewässer hindurch an ein sicheres, sauberes, zukunftsfähiges, friedliches Ufer zu gelangen. Und es könnte auch Kleinere bei der Überquerung mitnehmen.

 

Die Gesinnungen“ von damals heißen heute „Werte“. Genannt werden gern Wirtschaftswachstum, Demokratie, Rede- und Pressefreiheit, eine freie Gesellschaft. Doch trotz Wirtschaftswachstum werden große Teile der Bevölkerung ärmer und Innovationen nötigen oft dazu, dem Neuesten nachhecheln zu müssen. Was heißt Pressefreiheit, wenn Selbstzensur geübt und „Postfaktisches“ integriert wird? Wie frei ist man, wenn man in Angst, Unsicherheit, Sorge, Aggression oder Ohnmachtsgefühlen gefangen ist?

 

Keine Gesellschaft, die sich sozialen und anderen Frieden wünscht, kann es sich auf Dauer leisten, über ethische und menschliche Werte nur zu reden und zu diskutieren. Die Yamas, die am Anfang des klassischen Yoga nach Patanjali stehen, sind: Nicht verletzen; nicht unwahr sprechen; nicht nehmen, was einem legitim nicht zusteht; Sexualität nicht missbrauchen; nicht begehrlich und habgierig sein. Ihnen folgen die Niyamas: Sich üben in innerer, äußerer und auch mentaler Reinlichkeit; in Genügsamkeit und Zufriedenheit; in Willensstärkung; in Selbsterforschung und spirituellem Lesen; in Hingabe an einen Höheren Willen. Auch der Buddhismus sieht seine Paramis als Grundlage für inneren Fortschritt, d.h. Großzügigkeit, Ethik, Entsagung, Geduld, Energie, Weisheit, Wahrhaftigkeit, Entschlossenheit, Güte und Gleichmut.

 

Nur!!! Alles ist so viel leichter gesagt als getan. Die entscheidende Frage ist, ob man diese Art von Werten überhaupt will? Holt man sich nicht Magengeschwüre, wenn man verletzt wird und den Impuls zu einer Retourkutsche nicht auslebt? Macht man es sich nicht unnötig schwer, wenn man nicht lügen will? Was heißt „nicht nehmen, was einem legitim nicht zusteht“? Wo liegen die Grenzen zwischen Pedanterie, Ehrlichkeit und Käuflichkeit? Und „Sexualität nicht missbrauchen“? Wäre es nicht dumm, nicht alles mitzunehmen, was sich anbietet? Was ist denn Habgier? Möchte nicht jeder Mensch viel, viel besitzen, wobei manche darin eben erfolgreicher sind als andere?

 

Gegen jede der empfohlenen Tugenden, die die wirklich „nachhaltigsten“ Werte wären, ließe sich so gut argumentieren, dass schon der bloße Versuch zu mehr Ethik im Alltag sehr blauäugig erscheinen könnte. Doch zu bedenken ist, dass absolut nichts, was man spricht oder tut ganz ohne Folgen bleiben kann. Die sind allerdings wegen verschlungener Wege und Zeitverschiebungen oft schwierig bis gar nicht zu erkennen. Doch zu fühlen sind sie irgendwann. Wie es heißt: „Was am Anfang wie Honig ist, wird zu Gift. Was am Anfang wie Gift scheint, wird zu Honig.“                                                                                                       H. N.

 

 

 

Ein Yogi spricht

 

VERSCHIEDENE Menschen können ein und dieselbe Person auf ganz unterschiedliche Weise sehen, so wie in der Geschichte von den sieben Blinden, die einen Elefanten beschreiben wollen. Der eine beschrieb ihn als eine Art von Säule, weil er nur ein Elefantenbein abgetastet hatte. Ein anderer sagte, nein, nein, er wäre wie ein Fächer, denn er hatte nur das Elefantenohr gefühlt. Ein dritter widersprach heftig, der Elefant wäre eine Art von Schlange, denn er hatte nur den Rüssel befühlt, usw. Keinem der Sieben wurde in irgendeiner Weise klar, was und wie ein Elefant ist.

 

   Auch wir Nicht-Blinden halten uns manchmal nur an einen einzigen Anschein. Wir beurteilen jemanden nach seinem Aussehen oder seinem Benehmen oder den intelligenten oder nicht intelligenten Worten, die wir von ihm gehört haben. Doch all das sagt uns nichts aus über die tiefere Motivation oder die Werte, die dieser Mensch in sich trägt.

 

   Die Entdeckungssuche nach den wirklich wesentlichen Aspekten des Menschen muss tiefer gehen. Sie muss nicht nur mehr umfassen als Haut und Knochen, sondern auch noch mehr als die Gedanken und sogar die Gefühle. In unseren frühen Schriften lesen wir von den fünf Koshas oder Hüllen, aus denen der Mensch besteht. Die äußerste Hülle ist Annamaya, d.h. der physische Körper. Darin steckt Pranamaya, d.h. die aus Energie geformte Hülle. Darin Manomaya¸ geformt aus Manas (Manas wird mit dem englischen mind übersetzt, und mind wird im allgemeinen als

 

 

„Geist“ ins Deutsche übersetzt. Das bleibt aber vage, da ja „Geist“ nicht genau zu definieren ist. Im indischen Denken wurden schon früh die Mechanismen der Wahrnehmung, Verarbeitung der Wahrnehmung, Assoziation, Kategorisierung, Beurteilung, Entscheidung usw. genau differenziert. Manas kann man sehr, sehr ungefähr als „automatisches Denken“ beschreiben. Anmkg.d. Red.). Und in dieser Hülle steckt Vijnanamaya, d.h. der Intellekt. Doch die feinste und höchste aller Hüllen ist Anandamaya, d.h. Gewahrsein der Freude.

 

   Sich die meiste Zeit über in einem ausgeglichenen Geisteszustand zu befinden und sich dieses Zustandes voll bewusst zu sein, kann eine tiefere Einsicht in das ermöglichen, was unser innerstes Wesen ist. Ein wahrhaft spiritueller Mensch lässt sich nicht hinreißen, weder von Körperempfindungen, noch von emotionalen Energieschüben, weder von seiner eigenen Denktätigkeit noch von intellektueller Gymnastik.

 

   Der tiefste Aspekt unserer Persönlichkeit ist in reinem Bewusstsein und erhöhtem Gewahrsein enthalten. 

 

(Der Verfasser ist Dr. Jayadeva Yogendra)

 

 

 

Ein Freund in der Not

 

Shri Yogendraji

in „Paramahamsa ni Prasadi“

 

DER Minister von Mithula hatte keinen guten Freund, d.h. jemanden, mit dem er sprechen konnte, um Situationen auch aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Seine Frau meinte, dass er unbedingt einen Freund brauche. „Aber woher nehmen?“, fragte der Minister. „Nimm einfach den Erstbesten, dem du begegnest und der dir sympathisch ist.“

 

   Eine Stunde später kam dem Minister auf der Straße ein Weber entgegen, der seine Dienste von Tür zu Tür anbot. Sein schöner, ruhiger Gesichtsausdruck gefiel dem Minister. Er hielt ihn an und lud ihn ein, sein Freund zu werden. Der Weber war sehr verwirrt. Warum machte sich ein so feiner, nobler Herr lustig über ihn? Er konnte es doch unmöglich ernst meinen! Was bedeutete die Einladung, gleich jetzt mit ihm zu kommen? Der Weber bat im Stillen Gott um Schutz und folgte dem Herrn in dessen schönes Haus.

 

   Dort wurde er von der Frau des Ministers herzlich begrüßt und bewirtet. „Endlich bekommt mein Mann einen Freund, der ihm nie schmeicheln wird, weil er sich einen Posten davon verspricht“, dachte sie. „Ab heute betrachte ich dich als meinen Freund und lade dich ein, mich regelmäßig zu besuchen“, sagte der Minister zum Abschied. Der Weber eilte nach Haus, um seiner Frau gleich die gute Nachricht zu bringen.

 

   Einen guten Monat später wurde dem König ein Sohn geboren und im Palast herrschte große Freude. Um die Geburt seines Sohnes zu feiern, beauftragte der König seinen Minister, allen Dienstleistenden im Palast ein doppeltes Gehalt zukommen zu lassen. Versehentlich ging dabei ein Straßenfeger niedersten Ranges leer aus. Der war traurig, hätte die Sache aber bald vergessen, weil er sich sonst immer gut behandelt fühlte.

 

   Doch nicht so seine Frau. Sie war von etwas bösartiger Natur und immer bereit zum Streit. Sie begann, ihren Mann zu verspotten. Seine Stellung sei so niedrig, dass er überhaupt nicht zähle. Zuerst reagierte der Mann nicht. Aber nach und nach schaffte sie es, ihn so aufzustacheln und das Böse in ihm zu wecken, dass er in einem Wutanfall Rache versprach. Er würde es so einfädeln, dass der Minister, der ihn übersehen hatte, vom König bestraft, ja sogar gehängt werden würde.

 

   Aus Erfahrung wusste er zu welcher Stunde der Minister immer frühmorgens beim König vorsprach und versteckte sich in der Nähe. Nachdem der Minister nach allgemeiner Sitte seine Schuhe an der Eingangstür gelassen hatte und aus Sicht war, ergriff der Straßenfeger die Schuhe und warf sie in das Gemach der Königin. Als der Minister später seine Schuhe nicht vorfand, nahm er an, dass ein Hund mit ihnen gespielt hätte, und ging barfuß nach Hause.

 

   Der König ging indessen in das Gemach seiner Königin, die gerade ihr Bad nahm. Er ließ sich erwartungsvoll und froh in einem Sessel nieder, denn er liebte sie leidenschaftlich. Da sah er plötzlich die Schuhe seines Ministers, die wegen ihrer ausgefallenen Farbe unverwechselbar waren. Wut und Eifersucht überwältigten ihn, weil er ohne noch klar denken zu können überzeugt war, dass sein Minister seine Gemahlin in ihrem Privatgemach besucht hatte und in aller Eile beim Geräusch von Schritten vor der Tür barfuß geflüchtet war. Er ließ den Minister umgehend verhaften und ohne ihm Gelegenheit zur Verteidigung zu geben, verurteilte er ihn für den nächsten Tag zum Tode durch den Strang.

 

   Die Neuigkeit verbreitete sich sofort in dem kleinen Reich. Die Frau des Straßenfegers triumphierte und gratulierte ihrem schlauen Mann. Sie konnte gar nicht aufhören, ihn zu loben und zu beglückwünschen. Das hörte der Weber, der zufällig neben dem offenen Fenster der Hütte der beiden stand. Er liebte den Minister inzwischen als wahren Freund und reagierte blitzschnell, um ihn zu retten.

 

   Er trat in die Hütte und gab an, er sei vom Minister beauftragt nachzuprüfen, ob auch jeder ordnungsgemäß sein doppeltes Gehalt bekommen habe. Wenn nicht, solle der Betrag noch einmal verdoppelt werden. Der Straßenfeger freute sich sehr. Doch ihn quälte das schlechte Gewissen. Weshalb hatte er sich nur zu so einer infamen Tat hinreißen lassen! Er hatte den Minister sogar immer respektiert.

 

   Am nächsten Morgen stand er mit seinen beiden kleinen Kindern unter dem Balkon, den der König immer um die Zeit betrat, und fing an, sie zu prügeln. Der König hörte ihr Geschrei und verwies den Mann mit scharfen Worten. Es sei nicht richtig, Kinder so zu schlagen, und weshalb er das tue. „Eure Majestät“, sagte der Mann, „ich weiß mir nicht anders zu helfen. Diese schlimmen Kinder machen sich einen Spaß daraus, Schuhe an Türen einzusammeln und in das nächstbeste offene Fenster zu werfen. Sogar auf dies Palastgelände wagen sie sich mit ihren Streichen.“ Das war genug für den König, um zu erkennen, dass er sich in seinem Zorn in einen Wahn hinein gesteigert hatte. Er ließ den Minister umgehend aus der Haft holen und versprach, ihn für die erlittene Todesangst zu entschädigen.

 

   Und so wurde der Minister durch seinen guten Freund den Weber gerettet.

 

*

DIE obige Geschichte zeigt nicht nur den Wert eines guten Freundes, sondern auch, was Shri Yogendraji einmal so ausdrückte: „Es geht nicht darum, ob man selbst in Frieden leben möchte, sondern darum, ob einen die anderen in Frieden leben lassen.“

 

   Ein Mann ohne Überlegenheitsgefühle gegenüber Frauen schätzt den Rat seiner Ehefrau und folgt ihm, auch wenn er etwas seltsam klingt. Ohne Dünkel und Statusdenken freundet er sich mit einem armen Mann an, nur weil er ihn sympathisch findet. Er dient seinem König gut, denn er arbeitet klug und gewissenhaft. Und trotzdem ergeht es ihm schlimm, jedenfalls vorübergehend.

 

   Warum? Weil geschehen ist, wovor Yoga-Lernende gewarnt werden: die Kleshas aktiv werden zu lassen. Denn die treiben zu Worten und Taten, die direkt oder indirekt zu Leid führen – ob für einen selbst oder andere spielt dabei keine so große Rolle. Denn nach der Karma-Lehre kommt die Auswirkung jeder Tat wie ein Bumerang irgendwann wieder beim Täter an.

 

   Die Kleshas Asmita, Raga und Dvesah (d.h. 1. Ego, 2. zu starke Vorlieben bis hin zu alles andere ausschließender Liebe und 3. Abneigung bis hin zu Hass)  zeigen sich schon in ganz alltäglichen Retourkutschen, wenn auch weniger dramatisch als in dieser Geschichte. Der Straßenfeger handelt intrigant und grausam, weil er sich aufgestachelt durch die gehässigen Worte seiner Frau in seinem Ego beleidigt fühlt und es dem Beleidiger heimzahlen will. Der König handelt kopflos und grausam, weil er sich gehörnt und in seiner Liebe bis zum Wahnsinnigwerden gekränkt fühlt und Rache will.

 

   Sich irren und falsch handeln tun beide gleichermaßen, auch wenn der eine ganz unten und der andere ganz oben auf der sozialen Leiter steht. Denn die Kleshas haben nichts mit Intelligenz oder Beruf zu tun. Und um die Kleshas zu verringern ist nicht so sehr Bildung nötig als guter Wille, Integrität, Einsicht und Training.

 

   Letztere sind aber schwierig bis unmöglich, wenn die Nerven kranken. Denn ein  überreiztes und folglich erschöpftes Nervensystem begünstigt Gefühlsumschwünge und automatische, oft sogar ungewollte Reaktionen. Aber auch mit guten Nerven können Könige ebenso wie Straßenfeger genau so reflexartig unbewusst funktionieren wie die Wade, wenn sie hochschnellt, nur weil ein Arzt mit einem Hämmerchen auf das Knie geschlagen hat.  

 

   In der Geschichte haben beide Personen glücklicherweise Gelegenheit, ihr falsches Denken zu erkennen. Und weil sie ihr Handeln bereuen, können sie seine katastrophalste Folge noch rechtzeitig stoppen, so dass der Minister nicht gehängt wird. Wäre es anders verlaufen, hätten sich die Täter entweder lebenslang mit der Schuld am Tod eines Unschuldigen quälen oder aber ihr Gewissen so abstumpfen müssen, dass nicht einmal Schuld verspürt wird.  

 

H.N.

 

 

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„Mit Wut beginnt, mit Reue schließt der Zorn.“

(Pubilius Syrus)

 

„Sobald der Mensch in Zorn gerät, gerät er in Irrtum.“

(Talmud  (neben dem AT

die wichtigste jüdische Schrift))

 

„Lasset die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“

(Epheser  (Brief des hl. Paulus

 aus römischer Gefangenschaft))

 

 

„...Sherards Lieblingsgeschichte war die von der Speisung der Fünftausend, und er pflegte dazu technische Erläuterungen zu geben. John stimmte zu. Er dachte auch an Sülze vom Schweinskopf. Die ganze Welt konnte schön sein, wie das Leben auf einem Schiff, wenn nur jeder etwas tat, wovon die andern etwas hatten...“

(Aus dem Roman

 „Die Entdeckung der Langsamkeit“

 von Sten Nadolny)

 

 

 

 

Verdauung, Verstopfung

 

Hella Naura

 

BEI einer Zufallsbegegnung erzählte jemand, ungefähr Ende 40, von seiner Darmkrebsoperation, die einige Monate nach einer zweiten Herzoperation notwendig geworden war. Ich sagte, er hätte bestimmt schwere Zeiten hinter sich und ob er sich denn jetzt auch gut informiert hätte, was er alles tun und unterlassen müsse, um nicht wieder so krank zu werden. Er war erstaunt. Wie ich das meinte? „Für Sie ist es doch jetzt besonders wichtig, sich unter anderem richtig zu ernähren.“ „Ich kaufe Bio-Produkte. Und außerdem ist die Krankheit ja jetzt heraus geschnitten.“ „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie das frage. Aber ist Ihr Stuhlgang gut?“ Noch größeres Erstaunen: „Was hat das denn mit Darmkrebs zu tun?“

   Diese absolute Unwissenheit darüber, dass Krankheiten Ursachen haben, ist wohl kein Einzelfall. Natürlich ist die Ursache – meist mehrere – nicht leicht oder gar nicht zu erkennen, und Karma oder Vererbtes spielt immer eine Rolle. Trotzdem wäre es doch klüger, in dieser Richtung Hilfe und Unterweisung zu suchen, so dass man selbst so viel wie eben möglich tun kann, um sich gesund zu erhalten oder wenigstens nicht schwerstens zu erkranken. Das kann sich zwar als unmöglich erweisen – man wird eben krank trotz Vorsichtsmaßnahmen, sprich Bemühungen um Prävention – aber was möglich oder unmöglich ist, weiß man erst, nachdem man es wenigstens versucht hat. Sich sagen zu können: „Ich habe so viel (oder ruhig auch so wenig) an Nötigem getan wie es mir eben möglich war, ohne mich selbst damit verrückt zu machen“ – ist sehr viel wert. Man bekommt dadurch mehr Selbstvertrauen und Sicherheit, als wenn man sich nur völlig passiv und hilflos fremder Hilfe ausgeliefert fühlt. (Natürlich kann die auch sehr nötig und hilfreich sein.)

 

EIN indischer Roman beginnt damit, dass ein Mann auf der Gemeinschaftslatrine seines Dorfs sitzt und sich Morgen für Morgen verzweifelt, doch vergebens bemüht, sich zu entleeren. Als ich begann, nach Indien zu reisen, fiel mir auf, wie locker Leute dort über ihren Stuhlgang sprachen und wie besorgt, wenn sie sich innerhalb von 24 Stunden nicht entleert hatten, so als wäre das sehr, sehr wichtig. Es ist wichtig!! Als mir damals ein Büchlein in die Hände fiel, „Der Tod sitzt im Darm“, erschrak ich. Öfter verstopft zu sein war für mich seit Jugendjahren normal, so dass ich mir nie Gedanken darüber machte. Außerdem wäre mir das Thema peinlich gewesen. Sigmund Freud als echter Wissenschaftler stand über peinlich oder nicht peinlich und machte sich über anscheinend Selbstverständliches tiefe Gedanken. Ihm schien der Ausscheidungsvorgang so wichtig, dass sich seiner Meinung nach später eine „anale Charakterstruktur“ entwickeln könne, je nachdem in welcher Art das Kleinkind zur Sauberkeit erzogen worden war. Freuds Gedanken über die von ihm so benannte „Libido“ verbreiteten sich jedoch viel schneller als seine Gedanken über die „analen“ Eigenschaften von stark am Ökonomischen orientierten Menschen, nämlich geizen und nicht loslassen oder schenken können. (Gerade war in den Nachrichten zu hören, dass Kenntnisse über Finanzen schon für Schulkinder gefördert werden sollen.)

 

Biorhythmen

 

Ein Anthropologe staunte, als er bei seinen Forschungen vor Jahrzehnten in einem indischen Dorf feststellte, dass sich alle Bewohner gleichzeitig frühmorgens einen Busch suchten. Ein anderer berichtete von einer Südseeinsel, dass alle Frauen dort zur selben Zeit (an den Tagen um den Vollmond herum) menstruierten. Nach derartig ungestörten, von der Natur vorgegebenen Rhythmen funktionieren wahrscheinlich nicht mehr viele zivilisierte Menschen. Doch es ist anzunehmen, dass sich diese Rhythmen je stärker auswirken desto näher man am Äquator lebt. Denn nur am Äquator selbst sind Tag und Nacht das ganze Jahr hindurch gleich lang. (Sonnen)licht und nächtliche Dunkelheit, die jeweils bestimmte körperliche Vorgänge auslösen, variieren aber in Deutschland sehr über das Jahr (störende Zeitumstellung kommt noch hinzu.) Auch die Regel, nicht mehr nach Sonnenuntergang zu essen, da dann die Verdauungskraft abnimmt, lässt sich hier schlecht befolgen. Denn das wäre im Winter schon nachmittags und im Sommer erst sehr spät. Zu empfehlen ist deshalb einfach Regelmäßigkeit.

 

Was heißt Verstopfung?

 

Ich las mal: „Der Mensch lebt nicht von dem, was er isst, sondern von dem, was er verdauen kann.“ Der zerkaute und geschluckte Speisebrei rutscht ja nicht einfach durch den Darm hindurch und gleich wieder hinaus, sondern muss viele Prozesse durchlaufen. Erst einmal wird er im Magen durch Salzsäure von Keimen desinfiziert und bewegt – je nachdem, wie leicht oder schwer man isst, kann das von 2 bis über 8 Stunden dauern. Nachdem der Speisebrei den etwa vier Meter langen sehr beweglichen Dünndarm passiert hat, erreicht er den ungefähr 1,50 Meter langen Dickdarm. Und wenn er dort stecken bleibt, spricht man von Verstopfung.

   Doch weshalb bleibt er stecken? Aus mehreren Gründen. Grund eins: der Dickdarm kann seinen Anteil an der Verdauungsarbeit schlecht leisten, weil nicht genügend vorverarbeitet wurde. Ohnehin sieht es die Natur vor, dass der Speisebrei viel länger im Dickdarm verbleibt als im vielfach gewundenen Dünndarm, oft über mehrere Tage. Erst dann, wenn alle verwertbaren Substanzen der Nahrung an den Körper abgegeben sind, wird der letzte, unverwertbare Teil in den letzten Darmabschnitt, den Mast- oder Enddarm, befördert. Von da wird er durch den After ausgeschieden. Wird der Darm nun aber immer wieder mit schlecht Verdautem überlastet, leidet seine Peristaltik, d.h. die wellenartigen unwillkürlichen Muskelkontraktionen, durch die der Speisebrei überhaupt fortbewegt wird. Dann erschlafft der Dickdarm und kann nur noch träge arbeiten. (Wer kann es ihm verdenken, wenn er so gedankenlos behandelt wird!)

 

   Da der Speisebrei auf seiner langen Reise Flüssigkeit abgibt und im Dickdarm noch einmal entwässert wird, bleiben schließlich nur noch kleine harte Kügelchen in dem immer wieder streikenden Dickdarm liegen. Die zeigen nicht an, dass man zu wenig getrunken hat – was außerdem der Fall sein mag – sondern dass sie schon viel länger im Dickdarm liegen als gut ist. Der Mensch fühlt sich dann unwohl und schwer – es sei denn, er ist so oft verstopft, dass er gar keinen Unterschied mehr wahrnimmt. Doch nicht nur das. Denn was im Dickdarm, in dem es von absolut nötigen, aber manchmal auch schädlichen Bakterien nur so wimmelt – man spricht von Darmflora – zu lange liegen bleibt, entwickelt Fäulnisgase. Und die schaden dem ganzen Körper. Sie können u.a. zu Kopfschmerzen oder sogar Oberarmschmerzen führen. Je nach Schwere kann man sagen, dass sie den Körper vergiften. Und wie kann ein vergifteter Mensch auf Dauer froh und leistungsfähig bleiben!

 

Zu viel weißes Mehl verstopft

 

Die Verdauung fängt im Mund an. Wer aus Zeitmangel sein Essen herunter schlingt – vielleicht auch noch im Gehen – , schadet sich sehr und braucht sich über Verstopfung nicht zu wundern. Ein Rat aus dem Ayurveda lautet: „Kau die Flüssigkeit und trink das Feste“. Das heißt: auch Flüssiges muss verdaut werden, und die Verdauung beginnt wie gesagt im Mund. Und das Feste muss so gründlich gekaut und durchspeichelt werden, dass es flüssig wird. Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Reis, Weizen und andere Getreidearten enthalten viel Stärke. Diese wird durch die Enzyme im Speichel, also schon im Mund, in eine Vorstufe von Zucker verwandelt. Und diese Umwandlung erleichtert dem Magen seinen Anteil an der Verdauungsarbeit. Dazu muss der Bissen aber lange gekaut werden. Und genau das ist leider selten der Fall, weil Weizenprodukte fast immer aus weißem Mehl statt aus dem vermahlten vollen Korn hergestellt werden. Alle die gut schmeckenden Nudelgerichte, Pizzen, fast alle Brotsorten und Brötchen, Kuchen und mehr sind so weich, dass sie zum Nichtkauen verführen und deshalb zu wenig durchspeichelt herunter geschluckt werden. Ähnlich steht es mit vielen Kartoffel-Gerichten und weißem, d.h. poliertem Reis. (Je älter Kartoffeln werden, desto mehr steigt ihr Stärkeanteil. Schält man sie, verlieren sie das meiste der in ihnen enthaltenen wertvollen Spurenelemente.)

 

   Weshalb liegen einem nun gerade diese nicht so gesunden (weil überhaupt nicht vollwertigen) Nahrungsmittel nie auf dem Magen? Was wohl auch einer der Gründe ist, weshalb Spaghetti etc. so beliebt sind, so dass viele Menschen in Bistros einen viel zu hohen Preis dafür zu zahlen bereit sind. (Wenn man bedenkt, dass sie für ihr Geld nicht viel mehr als ein Häufchen verarbeitetes Weißmehl und Tomatenmark aus der Dose bekommen. Schmecken tut es allerdings.). Weshalb empfindet man sie als leicht, also gut? Weil die Hauptverdauung überhaupt nicht im Magen stattfindet, sondern erst im Dünndarm. Die Zunge kann sich also an dieser Kategorie von Ungesundem sehr erfreuen, und der Magen sieht auch keinen Grund, sich zu beklagen. Nur leider wird es dem Dünndarm schwer gemacht mit der vielen Stärke! Denn die hätte zum größten Teil schon im Mund umgewandelt werden müssen. Was eben oft nicht geschieht.

 

Ballaststoffe müssen sein

 

Über die weiteren Nachteile von Weißmehl wurde schon in früheren YugG’s berichtet. Gesagt sei hier nur, dass es keine Ballaststoffe mehr enthält. Und die sind für einen guten Stuhlgang unbedingt nötig! (Enthalten in fast allem Naturbelassenen außer Milch(produkten) und Fett. Also u.a. in allen Vollkorngetreiden, Gemüse, Obst. (Siehe frühere YugG‘s.) Ballaststoffe saugen Flüssigkeit auf und unterstützen die Peristaltik, ohne die wie gesagt der Darminhalt faulend liegen bleiben würde. Sie müssen also täglich aufgenommen werden, obwohl sie keinerlei Nährwert enthalten. Deshalb hielten manche Ernährungswissenschaftler sie früher für überflüssig. Als würde die Natur jemals Sinnloses hervor bringen! Wenn es so scheint, dann nur, weil der Sinn noch nicht erkannt worden ist. Statt sich nun als Laie mit immer gerade neu erforschten  Einzelheiten zu Enzymen, Vitaminen, Mineralien, Wechselbeziehungen etc. so vollzustopfen, dass man mit den daraus zu ziehenden Konsequenzen gar nicht Schritt halten kann, könnte man ja einfach der Natur mehr vertrauen und das von ihr Hervorgebrachte möglichst so lassen wie es ist. Das heißt nicht 100%ige Rohkost, sondern möglichst wenig Vorverarbeitetes, stark Konzen-triertes, Isoliertes, chemisch Durchsetztes etc. (In früheren YugG’s auch durch Tamas, Rajas und Sattva erklärt.) Natürlich können je nach Erkrankung bestimmte Vitaminzugaben oder Ergänzungsmittel nötig werden. Aber darüber informiert Sie ja Ihr Arzt oder Apotheker....

 

Psychische Gründe

 

Man kann Ungünstiges essen und trinken und trotzdem ganz gut durchs Leben kommen. Und man kann trotz sorgfältiger Ernährung krank werden. Menschen sind eben nicht alle über einen Kamm zu scheren. Ihre Lebensbedingungen, Schwachstellen, Karma etc. unterscheiden sich. Und! Sie funktionieren psychisch unterschiedlich, was sie eher krank oder eher gesund machen kann. Trotz guter, maßvoller Ernährung, genügend Flüssigkeit, frischer Luft und Bewegung kann man verstopft sein. Das zeigt, dass keine menschliche Erscheinung isoliert betrachtet werden kann. Was ja auch die wahre Bedeutung von „ganzheitlich“ ist.

 

Übertragung   -   (Kann bei

Ungeduld übersprungen werden)

 

Mystiker sagen uns: So wie oben, so unten. Oder: Wie im Großen, so im Kleinen. Physiker sehen in allem gleichermaßen Atome am Werk und Biologen führen alles auf Moleküle zurück. Eisblumen an einer Fensterscheibe zeigen dieselben Strukturen wie Mineralien usw. Alles lässt sich also in gewisser Weise in anderem erkennen und auf anderes übertragen. Shri Yogendra drückte es so aus: „Die Mücke ist genau so voller Wunder wie der Elefant. Aber können wir das erkennen?“ Oder mit Goethe: „Alles Sichtbare ist nur ein Gleichnis.“

 

   Die oben beschriebenen körperlichen Vorgänge können also auch auf Firmen, Organisationen oder Staatswesen übertragen werden: Personen in sehr hohen Positionen erfüllen ihre Aufgabe/Pflicht aus Unkenntnis oder Eigennutz nicht. Dabei kann es ihnen sehr gut gehen und sie genießen. (Zunge, Mund, Zähne) Personen unter ihnen bemerken es vielleicht, fühlen sich aber nicht angesprochen. Sie haben persönlich keinen Nachteil und möchten sich mit Nachfragen nicht in die Nesseln setzen. (Magen) Eine größere Schar von Arbeitern in Positionen darunter beginnt zu leiden. Sie können ihren Teil der Arbeit/Pflicht schlecht durchführen, weil die richtigen Bedingungen fehlen. (Dünndarm, der darunter zu leiden hat, dass der Mund hoch oben seine Arbeit nicht oder schlecht getan hat.) Die Arbeiter müssen sich mehr an-strengen und mit mehr Dingen herum schlagen, als die ihnen zufallenden Pflichten es erfordern würden. Sie werden müde, depressiv oder aggressiv, ohne genau zu wissen, warum. Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, nimmt zu. Obwohl sie so arbeiten, stagniert manches oder aber rast so, dass nichts Gutes dabei heraus kommen kann. (Durchfall) Gleichgewicht geht verloren, der Boden unter den Füßen scheint nicht mehr fest und verlässlich. Dadurch wird es für die noch tiefer angesiedelte Arbeiterschar noch schlimmer (Dickdarm). Sie tun, was sie können – die einen wenig, die anderen viel, manche überhaupt nichts.

   Überforderung und Erschöpfung setzen ein. (Verstopfung. Es beginnt zu gären und zu faulen. Gase werden übel riechend abgelassen oder treten durch die Darmwand in die Blutbahn ein und verbreiten sich.) Giftigkeit, Krankheit. Kommunikationskanäle verbinden nicht mehr, sondern werden zu Einbahnwegen und Sackgassen. Es wird gefragt, aber nicht geantwortet. Gesprochen, aber nicht angehört. Erzählt, aber nicht zugehört. Geschrieben, aber nicht durchdacht. Theoretisiert, aber nicht auf praktische Folgen hin überprüft. Verwirrung, Misstrauen. Was ist wahr, was nur missverstanden, was strategisch, was gezielt gelogen? Wer ist aufrichtig, wer nur opportunistisch, wer aktiv spaltend und zerstörerisch? Die Richtung geht in eine globale Sprache, doch statt mehr Verständigung nur mehr Gebrauch von Wörtern, unter denen sich jeder vorstellt, was er will oder auch gar nichts.

 

   Kann der Organismus gesunden? Kann er sein Immunsystem stärken, d.h. Widerstands- und Selbstheilungskräften mehr Chancen geben? Sorgt er für reinere Nahrung für Körper, Geist und Seele, gründlich gekaut, damit sie auch verdaut wird? Dann könnte er auch gut das loslassen, was keinen Nährwert mehr hat und nur fault. Dann würde er sich wieder frisch, kraftvoll und gut fühlen.

 

 

BEI PSYCHOSOMATISCHEN

MAGEN-DARMERKRANKUNGEN:

 

REGELMÄSSIG alle 4 Stunden essen, bei Hunger zwischendurch Khakra (ungefähr wie Vollkorn-Matzen oder, viel weniger, Knäckebrot). Nach dem Abendessen 10 Min. Wärmflasche auf den Bauch. Auch Füße warmhalten. Nicht zu lange sitzen; jede Stunde ein paar Schritte gehen. Kein schweres Eiweiß wie in Eiern, Hülsenfrüchten, Fleisch. Weniger Kartoffeln, Reis, Gebratenes, Kohl, Zwiebeln, scharfe Gewürze etc. Unbedingt eine Stunde Hobby. Mindestens 30 Min. gehen. Nicht sitzen und über seinen Problemen brüten. Durch Besuch von inspirierenden Orten oder Menschen eine gesunde Lebensphilosophie aufbauen.

 

 

Die Magen-Darm-Organe geraten durch emotionale Reaktionen sehr leicht und vielfach in Unordnung. Störung von Samana Vayu (Verdauungskraft) resultiert aus passiver Abhängigkeit in gesellschaftlicher Kooperation. Parasympathische Reaktionen herrschen vor. Mit dem Magen reagiert auch leicht, wer findet, er würde nicht bekommen, was ihm zusteht, und es eilig hat, dafür abzurechnen. Rajas-Eigenschaften herrschen vor. Es kommt zu Blähsucht, Reizdarm-Syndrom, Verstopfung, gelegentlich Parasiten im Stuhl usw. Verstopfung kann von unterdrücktem Darm- und Harndrang, zu wenig Ballaststoffen oder schwacher Bauchmuskulatur herrühren; Kolitis von Darmkrämpfen oder zu starker Schleimabsonderung. Emotionale Faktoren spielen hier eine Rolle. Tägliche Befolgung hilft, die Aufmerksamkeit von negativen, schädigenden Lebenseinstellungen auf positive umzulenken.

 

(Aus "Cyclopaedia 3, Stress and Mental Health", herausgegeben von

The Yoga Institute, Mumbai, Indien)