Liebe Leserinnen, liebe Leser

 

das Folgende könnte man ätzend finden. Sie hoffentlich nicht. Das Titelbild preist ein perfektes Gesundheits-Korsett an, das alle anderen übertrifft und dank der Firma Ferris eine vernünftige Korsett-Taille schafft. Auch kleinen Mädchen verhilft die Firma Ferris dank Korsett zu Gesundheit. So geschehen vor 130 Jahren. Das erklärt, weshalb in Romanen jener Zeit Damen so oft in Ohnmacht fielen. Denn je enger die Taille geschnürt wurde, desto mehr litten Blutkreislauf und Atmung; abgesehen davon, dass die inneren Organe auf Dauer verrutschten. Man tut ja so manches, um mit der Mode zu gehen und dem zu entsprechen, was gerade als schön gilt. (Wer bestimmt das und weshalb kommt/kommen er/sie/sie damit durch?) Aber sich offensichtlich grob Unvernünftiges und Ungesundes auch noch als vernünftig und gesund verkaufen zu lassen – das sollte zu weit gehen. Nun ja, die Werbung stammt aus 1886.... Und heute sind wir klüger.

 

   Folgendes hatte meine Mutter selbst um 1930 erlebt: Es hatte sich in ihrer Stadt herum gesprochen, dass das Einatmen von Mistgeruch gesund sei. Jeden Sonntag gab es Städter, die in das nächste Dorf pilgerten, um dort um Misthaufen herum zu streichen. Ein gewitzter Bauer stellte um seinen Haufen Stühle auf und kassierte Gebühr fürs Sitzen. Es sprach sich weiter herum, wie gesund Mistluft sei, und mehr Bauern konnten  Stühle aufstellen und abends erfreut ihr Geld zählen. Nun ja, 1930! Heute sind wir doch klüger. Ja? Wirklich?

 

   Wer zählt heute sein Geld oder – mit der Zeit gehend – verfolgt Zahlen auf dem Bildschirm, bezahlt Unternehmensberater, Analysten, PR-Agenten und Lobbyisten, bahnt sich seine Wege in Krankenkassen, Arztpraxen, Medien und in die Gesetzgebung, sucht „strategische“ Partner, investiert usw, usw, und zwar nicht mehr nur, um einen zweiten Mist-haufen mit mehr Stühlen zu finanzieren, sondern um global an Krankheit und Angst vor Krankheit zu verdienen? Die Wiedergabe eines Berichts in diesem Heft unter dem Titel „Zukunftsaussichten“ liefert dazu kleine Einblicke.

 

   Es steht außer Zweifel, dass in den Industrieländern riesige Wirtschaftssektoren und damit verbunden manche Politiker sich überhaupt keine sehr gesunde Bevölkerung wünschen können. Denn das würde ja ihre eigene Finanzlage und Daseinsberechtigung annagen. Viele Forschungsinstitute, Pharma-Abteilun-gen, Apotheken und „Gesundheitsunternehmen“ würden dann überflüssig; Arbeitsplätze und natürlich hohe Profite für manche gingen verloren. Diese Sachlage hat wohl mit dazu geführt, dass sich ein bestimmtes Gesundheitswesen (ehrlicher: „Krankheitswesen“) etabliert hat. Dieses bezweckt zum großen Teil, dass Geplagten und Kranken so weit geholfen werden kann, dass sie nicht etwa auf den Gedanken kämen, Arztbesuche wären ohnehin zwecklos und Medikamenteneinnahme oft zu riskant.

 

   Arztbesuche und Medikamente helfen also; oft aber nur, um Symptome zu unterdrücken. Die Ursache besteht fort und macht häufige Arztbesuche und oft lebenslange Medikamenteneinnahme nötig. An dieser Stelle befürchte ich, wegen einer in der „Leseprobe“ in diesem Heft erwähnten verbreiteten Schwarz-Weiß-Sichtweise missverstanden zu werden. Ich möchte auf keinen Fall die Leistungen unserer heutigen Medizin oder die Arbeit von Ärzten kleinmachen. Ich selbst würde wohl nicht mehr leben, wenn vor einigen Jahren ein medizinisches Gerät nicht schnell und einfach ein Etwas in meiner Leber enthüllt hätte; das Wissen und die Intuition eines guten Arztes nicht Krebs, sondern einen Abszeß vermutet hätten und ich nicht mit Antibiotika vollgepumpt worden wäre. So geschehen  in Indien. Wenn ich wieder in ein Krankenhaus müsste, würde ich trotzdem ein deutsches vorziehen. (Und das trotz der gesundheitsschädigenden, für mich ungenießbaren Kost in einem Äsklepios-Unternehmen. Das war, nachdem die Privatisierung staatlicher Krankenhäuser politisch abgesegnet worden war und die unerklärliche Fahrweise eines Fernbusfahrers mir vier gebrochene Rippen beschert hatte.)

 

   Ich weiß also durchaus die Notdienste, Ärzte und Krankenhäuser in unserem Land zu schätzen. Trotzdem soll hier gesagt sein, dass es sich eigentlich niemand leisten kann, Selbstverantwortung aufzugeben, sich für seine Gesundheit nur auf andere zu verlassen oder sich sogar medien- und werbungsgeschädigt regelrecht verschaukeln zu lassen. Welches Krankheitswesen sich etablieren kann – z. Z. sind in Deutschland über 5 Mio. Menschen darin tätig  –  hängt von vielen Faktoren ab. Gier nach Marktbeherrschung und Profit ist nicht der einzige. Wie in „YugG“ Nr.78  berichtet, erklärten süddeutsche Ärzte Dr. Jayadeva auf einem Symposium, dass der heutige Mensch Patient sei. Wenn er leide, dann erwarte er, dass ihm ein Arzt unverzüglich helfe. Es sei schwer vorstellbar, dass er bereit sei, viel zu investieren, um Krankheiten vorzubeugen oder etwas an seinem Lebensstil zu ändern. Es sei auch nicht Aufgabe der Ärzte und zeitlich unmöglich, einen Patienten in seinem Umfeld zu verstehen, sein Verhalten zu untersuchen, sein Handeln zu hinterfragen oder eine spirituelle Dimension einzubringen.

 

   Letzteres kann auch gerechterweise von keinem Arzt erwartet werden. Denn dazu müsste er neben seinen medizinischen Kenntnissen auch noch die Fähigkeiten und Interessen eines Menschenfreundes, Soziologen, Psychologen und praktizierenden (nicht nur redenden und schreibenden) Ethikers besitzen oder ein großer Yogi oder sonstwie weiser Mensch sein.    

 

   Es liegt also nicht nur am System, sondern an Wechselwirkungen, wenn die Zustände so sind, wie sie eben sind. Laut den obigen Ärzten genügt es den heutigen Kranken, dies oder das zu schlucken und sich „einstellen“ zu lassen. Wenn auch kaum zu glauben, so soll es 23 Mio. Schmerzpatienten in Deutschland geben (Stand: März 2016), das wäre mehr als jeder Vierte! Jede achte Frau erkrankt an Brustkrebs. Die Fälle von Vorstufen zum Diabetes häufen sich. (Obwohl ....  das ganze Leben kann man als Vorstufe zum Tod sehen. Ich selbst befinde mich laut Hautarzt in einer Vorstufe von weißem Hautkrebs und was ein Augenarzt mir avisierte, falls ich mich nicht an beiden Augen operieren lasse, war auch nicht schön. Doch hier wird nicht zum Leichtsinn aufgefordert! Als mir etwas an meiner Haut auffiel, ging ich gleich zum Arzt. Drei Hautproben aus dem Gesicht ergaben aber: kein Krebs.)  Zahllose Kinder und Jugendliche werden auf Grund der Diagnose ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syn-drom) behandelt, wobei Behandlung oft nicht mehr heißt als: Schlucken! (Wiederum befürchte ich Missverständnis. Wenn ein Medikament die einzige Rettung für einen Kranken darstellt, dann kann er nur froh sein, dass es kluge Menschen gab und gibt, die dieses Medikament entwickelten, und er wird die Nebenwirkungen wohl ohne Bedauern als das kleinere Übel hinnehmen, das ihn vor größerem Übel bewahrt.)

 

   Am kaiserlichen Hof im früheren China wurde nicht der Arzt am höchsten entlohnt, der Krankheiten heilte, sondern der, dessen Schützlinge nie erkrankten. Das zeigt zweierlei: Erstens war bekannt, dass man immer mit Krankwerden rechnen muss, und zweitens taten die Privilegierten alles, um es nicht dazu kommen zu lassen. Nun sind wir ja aber nicht Kaiser und haben keinen Leibarzt. Weit und breit gibt es auch keinen, der täglich an unserem Stuhl riecht und genügend Kenntnis besitzt, um je nach Geruch das gerade allerbeste, ausgleichende Essen anzuordnen.

 

   Aber immerhin ist Prävention bei uns zum großen Thema geworden, so als wolle unser Krankheitswesen tatsächlich nicht, dass wir erst krank werden. Sogar ein Präventionsgesetz ist geplant (vielleicht nach neuestem Stand schon in Kraft). Außerdem informiert jedes Blatt und Blättchen darüber, wie Krankheiten vorzubeugen ist. Dabei bringen sie nicht weniger wertvolle Erkenntnisse als eine frauenärztliche Vereinigung zum Thema Brustkrebs: Gesund leben, bewegen, kein Übergewicht, kein Dauerstress, wenig Alkohol, keine Zigaretten, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorn, Nüsse. Ja, wer hätte das gedacht! Empfohlen werden noch Zusatzstoffe und Vitamine und natürlich ein Gang zum Frauenarzt. Angeraten wird auch eine „gute Schlafhygiene“. Um die zu erreichen müsste man sich nach dem Präventions-Rat aus anderen Quellen ein neues Bett, eine neue Matratze und eine neue Wohnung in bester Luft und ohne Straßenlärm zulegen. Was guten Schlaf am meisten verhindert und damit krankheitsanfälliger macht, wird allerdings nicht genannt und ließe sich auch nicht so einfach ändern, nämlich Sorgen, Kummer, Ärger, Überforderung, Hetze, Angst.

 

   Meine laienhafte Überlegung, ob Brustkrebs nicht mit jahrelanger Einnahme von Verhütungsmitteln zu tun hat, habe ich in keinem Präventionstipp auftauchen sehen. Es gibt zwar eine Studie der Women’s Health Initiative aus 2002, die ergab, dass Hormonersatztherapien  für Frauen in den Wechseljahren mit Risiken wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Thrombose, Embolien und eben Brustkrebs verbunden sind. Doch der Vorsitzende einer deutschen Ärzteorganisation hat kürzlich schriftlich kundgetan,  man wisse jetzt, dass diese Studie falsch gedeutet worden wäre. Verantwortungsvoll und frauenfreundlich verkündet er: „Es ist uns Frauenärzten wichtig, über diese Fehlinterpretation aufzuklären und den Frauen die Angst vor der HET zu nehmen.“ Auch der Präsident einer Gesellschaft für Prävention und Anti-Aging-Medizin sorgt sich, dass Frauen „unnötigerweise vorzeitig sterben könnten“, wenn sie auf eine HET verzichten. Dann zählt er auf, welchen schlimmen Krankheiten, auch Alzheimer, eine HET vorbeugen könne. Zwar könnte tatsächlich nicht völlig entwarnt werden, weil es sehr auf den Zeitpunkt des Therapiebeginns ankäme. Weiter ist dann so formuliert, dass man den Eindruck bekommen muss: Je früher mit dem Hormon-Schlucken angefangen, desto besser. Und natürlich hilft die Beratung beim Gynäkologen!

 

   Auch eine Urologen-Interessen-Vertretung möchte vorbeugen und weist auf das „Volksleiden Nykturie“ hin. Auf Umwegen drohe dadurch ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko für Herzkranke und Verlust von Arbeitsproduktivität um bis zu (genau) 24 %. Was ist Nykturie? Nächtlicher Harndrang, der dazu führt, aufzuwachen, um auf die Toilette zu gehen. (Wie in dem Urologen-Text jedoch Ursache mit Wirkung verdreht wird, lässt sich mit Hilfe eines medizinischen Lexikons erkennen!) „Behandlungsbedürftig“ seien über 60 % aller Menschen ab 70! Das heißt: schlucken und Nebenwirkungen in Kauf nehmen. Aber auch um die 20-40-Jährigen wird sich gesorgt. Schon da sei jeder 5. bis 6. von möglicher Gefahr betroffen. („YugG’s“ Tipp: Kaffee, Reis, Spargel, Äpfel, Kirschen, Tee ((in dieser Reihenfolge, also Kaffee am meisten)) entwässern bekanntermaßen. Wenn man sie später als am frühen Nachmittag zu sich nimmt, muss man wahrscheinlich nachts auf die Toilette.) Übrigens luden die Urologen  Medienvertreter zu ihrem Kongress ein und forderten auf, sich für einen „Medienpreis Urologie 2016“ zu bewerben. (Es ist klar, dass „YugG“ auf keinem Gebiet jemals einen Medien- oder sonstigen Preis gewinnen könnte, sei es Krankheit, Sucht, Gesundheit, Psychologie, Lebensphilosophie, Ethik und selbst „Yoga“. Denn nichts von dem, was „YugG“ zu verbreiten versucht, fördert Geschäft, Vernebelung oder Angsteinflößung. Es ist also unnütz in einer Zeit, in der Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsraserei mit dazu nötiger Ausbeutung von Mitmensch und Natur anscheinend zur Weltreligion erhoben wird.)

 

   Weshalb dieser Artikel? Will ich „politisch agitieren“, wie mal geargwöhnt wurde? Agitiert (ein Krankheitssymptom) oder auch nur aufgeregt zu sein, nützt keinem. Alles ist relativ. Unveränderlich Vollkommenes kann es nach der Yoga-Philosophie nur im Bereich des Bewusstseins, d.h Purusa geben, nicht aber im materiellen Bereich, d.h. Prakrti. Vergleichsweise kann man also deutsche Zustände ganz wunderbar und mich eine miese „Nestbeschmutzerin“, wie das Schlagwort vor Jahren lautete, nennen. Aus anderer Sicht kann man deutsche Zustände überhaupt nicht wunderbar finden. Doch was kann man tun, wenn man ja doch nichts tun kann? Sich schützen, so gut es geht. Hinterfragen. Sich selbst und nach Möglichkeit auch anderen helfen. Dazu sind Anleitung, Kennt-nisse, Durchhaltevermögen, etwas Disziplin, viel Geduld, Selbstvertrauen und am besten auch noch Gottvertrauen nötig. Da einem all das meist nicht in die Wiege gelegt worden ist, müsste man sich darum bemühen – was von jedem Punkt aus möglich ist. Klassischer Yoga plus Lebensstil – nicht Lifestyle – wie von Jayadeva Yogendra gelehrt und in „YugG“ vertreten, können dabei helfen.

 

   Als ich einer 13-Jährigen, die oft krank war und unter Kopfschmerzen und Schlafstörungen litt, im Yoga-Kurs etwas sagen wollte, schnitt sie mir das Wort ab: „So etwas weiß doch ein Arzt besser. Ich habe nächste Woche einen Termin beim Facharzt. Und vielleicht komme ich ins Schlaflabor.“ Eine ebenfalls erst 13-Jährige zu Bhadrasana, „Thronhaltung“  im Liegen: „Das ist ja wie beim Frauenarzt.“ Mir scheint, für die Wachstumsraten im Geschäftsfeld Gesundheit ist bis in die nächsten Generationen gut vorgesorgt.

 

   Weiterhin Ausdauer wünscht sich selbst 

 

                                                                                Hella Naura

 

 

 

Ein Yogi spricht

 

DAS Konzept des Dharma, d.h. Pflicht ist für die indische Kultur grundlegend. Durch Dharma werden nicht nur die Individuen, sondern auch die gesellschaftlichen Prozesse aufrecht erhalten. Und diese Prozesse wiederum stützen die Individuen und sind in Einklang mit Naturgesetzen. Es beginnt schon mit den einfachsten Dingen. Wenn zum Beispiel jeder die Verkehrsregeln beachtet, dann fließt der Verkehr und die Ordnung wird nicht gestört.

 

   Dasselbe gilt für unsere Gesundheit. Es ist unsere Pflicht, uns nach Möglichkeit gesund zu erhalten. Wenn wir sorgsam mit uns umgehen, dann können wir lange in gutem Zustand bleiben und alles, was zu tun ist, gut ausrichten. Auch hier zählt jede Kleinigkeit. Wenn jemand den ganzen Tag nur sitzt, dann kann es gar nicht ausbleiben, dass er steif wird, was wiederum irgendwann zu Schmerzen führt. Er müsste immer wieder zwischendurch aufstehen und ein paar Schritte gehen. Schon das hilft, eher gesund und tüchtig zu bleiben.

 

   Auch das Wetter zählt. Man sollte sich immer darauf einstellen. Nass zu werden und sich dann Zugluft oder dem Ventilator auszusetzen macht manche Menschen schon anfällig für Erkältungen mit gestörter Atmung als Folge sowie für orthopädische Probleme.

 

   Wenn ein weiser Mensch oder ein Arzt einem derartiges sagt, findet man es viel zu simpel und denkt gar nicht daran, es zu befolgen. Wir kennen jemanden, der sehr unter Rückenschmerzen leidet. Trotzdem besteht er darauf, den ganzen Tag auf den Beinen zu sein und mehrmals täglich die Treppe ins dritte Stockwerk hoch zu steigen. Und das alles immer im Eiltempo. In seinem Fall war die ganz einfache Anweisung, dass er sich sieben Tage lang ins Bett legen sollte. Er tat es nicht.

 

   Was hierbei nicht stimmt, betrifft nicht nur die körperliche, sondern auch die psychologische Ebene. Auch im Ayurveda spricht man von Prajna-aparadha, Verlust des inneren Gleichgewichts. Es liegt nicht am Körper, dass der Mann die Anweisung nicht befolgt. Etwas in seiner Psyche hält ihn davon ab. So entstehen dann Beschwerden, die wir heute oft als psychosomatisch bezeichnen. 

 

   Kern der Sache ist: Sich bewusst werden, welche schlechten Angewohnheiten man hat, und anfangen, sich zu entwöhnen; zweitens sich kleine Dinge angewöhnen, die der Gesundheit dienen und drittens versuchen, die eigenen Denkmuster zu erkennen. Was einem schadet, muss Schritt für Schritt geändert werden. Die Gedanken sollten sich in Bahnen bewegen, die durch Unterscheidungsvermögen (in erster Linie:  was ist wirklich langfristig gesehen wichtig und was ist es nicht), gut fundierten Rat sowie eigene Erfahrung gelegt werden. All das sind Aspekte von Dharma. Jeder, der Dharma befolgt, wird von Dharma beschützt.

 

 

                                                                 Jayadeva Yogendra

 

 

 

 

ERFAHRUNGEN MIT DER ATMUNG

 

Harry Sequeira

 

PITU und ich gingen rasch durch die Innenstadt auf Ibiza, dieser wunderbaren spanischen Insel im Mittelmeer. Mein spanischer Freund Pitu atmete wie ein Drache. Es war ein rajasisches Atmen. Da ich ihn sowohl als Freund wie auch als Schüler gut kannte, wusste ich, dass er dabei war, sein Gehirn aufzuheizen. Als Architekt und verantwortlich für die Bauaufsicht musste er mehrere Baustellen besichtigen. Seine Atmung und seine Gehirnwellen würden sich im Laufe des Tages immer mehr beschleunigen und es war voraus zu sehen, dass er am Abend kochen und rasen würde.

 

   Als wir an einer Parkbank vorbei kamen schlug ich vor, dass wir uns einen Moment setzten. Dann forderte ich ihn auf, bei geschlossenen Augen zehn Runden Yogendra Pranayama Nr. 1 durchzuführen, d.h. gleich langes Ein- und Ausatmen ohne jede Pause dazwischen.

 

   Das war alles. Es war so einfach. Nur für das Einfache nehmen wir uns meistens keine Zeit. Schon dieses bisschen bewusste Atmen reichte, um Pitus Gehirn zu kühlen und ihn innerlich ruhiger werden zu lassen. Der Haken an der Sache ist nur, dass wir so unbewusst sind. Wir sind große Ignoranten, wenn es darum geht, wie wir gerade atmen, was sonst in unserem Körper abläuft und ob wir uns heute schon entleert haben oder nicht.

 

Prana – eine kosmische Kraft

 

Prana ist ein uraltes indisches Konzept, das sogar moderne Erkenntnisse der Physik über die innerste Natur von Energie erweitern könnte. Im menschlichen Körper manifestiert sich Prana als Bio-Energie. Für Laien ist es weder möglich noch nötig, die weit verzweigten Feinheiten dieser Lehre zu verstehen. Aber man sollte etwas über denjenigen Aspekt von Prana wissen, der für jeden verständlich ist, d.h. die Atmung.

 

Was man wissen sollte

 

Im Durchschnitt und in Ruhe nimmt ein Mann ca. 6 – 7 Liter Luft pro Minute auf. Bei Frauen, die ein größeres Becken und kleinere Lungen haben, ist die Atemkapazität im Durchschnitt 10 – 15 % geringer.

 

   Schwangere Frauen müssen für Zwei atmen. Schon deshalb wäre es gut, wenn sie lernen würden, ihre Lungenkraft zu vergrößern.

 

   Viele Menschen atmen zu schnell, d.h. sie schöpfen ihre zur Verfügung stehende Atemkapazität nie voll aus. Was aber nicht genutzt wird, verkümmert.

 

   Für die Atmung sorgen besonders drei Muskelgruppen.

 

  • Erstens das Zwerchfell, ein Quermuskel zwischen Lungen und Herz oben und Magen und Leber unten. Das Zwerchfell hebt und senkt sich beim Atmen und bewirkt dadurch, dass der Bauch sich wölbt bzw. einsinkt.

 

  • Zweitens die Rippenmuskeln. Sie bewirken, dass sich der Brustkorb beim Einatmen seitlich ausdehnt und beim Ausatmen wieder einzieht.

 

  • Drittens die Muskeln um das Schlüsselbein. Sie aktivieren die Lungenspitzen. Man kann sagen, dass sie bei den meisten Menschen fast gar nicht benutzt werden.

 

   Gut wäre es für jeden Menschen, wenn er alle drei Muskelgruppen einsetzt.

 

Wie man sich fühlt, so atmet man

 

Atmen und Denken sind eng mit einander verflochten. Wenn wir ärgerlich oder sonstwie erregt sind, atmen wir heftig und schnell wie ein Drache oder wie mein Freund und Schüler Pitu. Wenn wir uns ruhig, gelassen und heiter fühlen und auch, wenn wir uns gut konzentrieren, atmen wir langsam und tiefer. Wenn wir uns durch den Tag öfter unserer Atmung bewusst werden und sie bei Bedarf regulieren (d.h. möglichst gleichmäßig und ruhig atmen), dann trägt das viel mit dazu bei, unseren psychosomatischen Organismus ins Gleichgewicht zu bringen.

 

   Auch Atmung und Lebensdauer sind eng mit einander verbunden. Jeder Automotor hat z.B. eine voraussehbare Lebensdauer. Wenn er so-und-so viele Umdrehungen gemacht hat, dann ist er technisch gesehen am Ende. Genau so ist bei unserer Geburt ungefähr festgelegt, wie viele Bewegungen unsere Lungen leisten können. Wenn ein Mensch sich dem Ende dieser festgelegten Anzahl nähert, dann lassen seine psychosomatischen Funktionen nach. Er degeneriert körperlich und geistig. Deshalb achten Yogis sehr darauf, dass sie ihre Atemkraft nicht vergeuden.

 

   Pranayama, d.h. bewusst regulierte Atmung hat auch einen großen Einfluss auf unsere spirituelle Entwicklung. Im Yoga Sutra des Patanjali heißt es, dass Pranayama die Unreinheiten unseres Geistes und unserer Psyche beseitigen kann und uns somit dem Licht näher bringt. (Sutras II, 49 – 52). Pranayama hat also sehr weit reichende Folgen. Aber Vorsicht! Denn bei übertriebener Ausführung von Atemtechniken können diese Folgen auch ungünstiger Art sein.

 

   Ich achte sehr darauf, dass meine Schüler Yogendra-Pranayama Nr. IV, die Bauchatmung, genauer gesagt die Zwerchfellatmung nicht vernachlässigen. Das Sonnengeflecht um den Nabel herum ist für die Yogis eine höchst wichtige Körpergegend. Von hier aus ist es möglich, die verschiedenen Funktionen des Prana sowie andere Körperfunktionen zu verstehen.

 

   Bei schlafenden Kleinkindern kann man sehr gut beobachten, wie der Bauch sich bei jedem Atemzug bewegt. Das zeigt, dass ihr Zwerchfell gut funktioniert. Bei älteren Menschen ist oft kaum noch eine Bewegung zu sehen, weil der Zwerchfellmuskel schwach geworden ist. Das sagt auch etwas über den psychischen Zustand eines Menschen aus. Je entspannter jemand lebt, desto mehr kommt sein Zwerchfell ins Spiel.

 

Das Manipura-Chakra

 

Yogis haben noch speziellere Gründe, mehr mit Hilfe des Zwerchfells (statt der Rippen- und Schlüsselbeinmuskulatur) zu atmen. Dadurch wird nämlich eine bestimmte Schaltstelle des autonomen und des sympathischen Teils des Nervensystems aktiviert, die sich als Ganglion hinter dem Nabel befindet.

 

   In der Physiologie des Tantra-Yoga heißt es, dass sich hinter dem Nabel das Manipura-Chakra befindet, eines der subtilen psychischen Zentren im Körper. Manipura wird interpretiert als der „mit Juwelen geschmückte Palast“. Aber natürlich reicht die Übung der Zwerchfell-Atmung allein nicht dazu aus, dieses Zentrum zu beherrschen – dazu sind noch viele geistige und ethische Voraussetzungen zu erfüllen. Aber die Zwerchfellatmung ist ein Hilfsmittel zu dieser Beherrschung, die laut Tantra-Yoga viele geistige und psychische Kräfte wecken soll.

 

   Ein Laie sollte jedoch nicht von derartigen sublimen Kräften träumen. Er kann aber realistischerweise darauf hoffen, dass er durch eine Stimulierung der Nabelgegend eine Entspannung des Teils des Nervensystems erlangt, das für eine unerwünschte Überaktivierung bestimmter Gehirnzentren verantwortlich sein kann. Dies sind die Zentren, die mit dem Schlaf und der Verdauung in Verbindung stehen.

 

Besser einschlafen können

 

Man soll durch die Stimulierung der Nabelgegend einen guten Schlaf erlangen können. Wenn der Körper gut, d.h. ungestört durch psychische und andere Einflüsse funktioniert, dann aktiviert die andauernde Bewegung des Zwerchfells das Schlafzentrum in der Medulla oblongata. Dies ist in etwa eine Verlängerung des Rückenmarks ins Gehirn hinein, die viele körperliche und geistige Abläufe steuert. Menschen, die schlecht einschlafen können, sei daher abends im Bett Yogendra-Pranayama Nr. IV empfohlen.

 

   Eine bessere Verdauung dank Zwerchfellatmung ist darauf zurück zu führen, dass in der symbolischen Sprache vieler Yoga-Schriften das „Feuer“ hinter dem Nabel entfacht wird. Viele Schüler haben mir bestätigt, dass sie tatsächlich schon nach einigen Wochen täglichen Übens sehr gute Wirkungen verspürt haben.

 

 

Yogendra-Pranayama, Nr. IV: Auf dem Rücken liegen, Beine anwinkeln (Knie nach oben, Füße etwas aus einander gestellt), rechte Hand auf dem Bauch, linker Arm locker gestreckt. Alle Aufmerksamkeit in die Nabelgegend lenken und spüren, wie sich der Bauch hebt und senkt. Tut er das nicht, so hilft man ein wenig nach.

 

 

„Atemfrequenz“ = die Zahl der Atemzüge pro Minute; abhängig von Alter (ab dem 30. Lebensjahr etwa gleichbleibend), Geschlecht, Körperhaltung (im Stehen höher als im Sitzen und Liegen), Arbeit, Bluttemperatur und psychischen Faktoren.

 

„Ateminsuffizienz“ = ungenügende Gasaustauschleistung der Lunge.

 

„Atemluft“ = das zum Atmen verfügbare natürliche Gasgemisch der Atmosphäre (78 Volumen-Prozent Stickstoff, 21 % Sauerstoff, 0,003 % Kohlendioxid, 1 % Edelgase).

 

„Atemneurose“ = seelisch bedingte Störung der Atemregulation.

 

„Atempause“ = die nur bei verlangsamter Atmung (im Schlaf) deutliche Ruhepause zwischen Ein- und Ausatmungsphase.

 

„Atemzentrum“ = das der Atemregulation dienende spezifische Nervengewebe mit einem in- und expiratorischen Teil. Diese bewirken durch Autorhythmie und gegenseitige Wechselwirkung den Wechsel von Ein- und Ausatmung (gemäß den Erfordernissen des Organismus) durch Impulse, die sie an die Motoneuronen des Rückenmarks abgeben.

 

(Aus dem „Roche Lexikon Medizin“)

 

 

 

 

 

 

Fragen zum "Yoga Sutra" des Patanjali,

beantwortet von Jayadeva Yogendra

 

Sutra I, 4:

Zu anderen Zeiten (sh. YugG Nr. 80 für weitere Erklärungen) identifiziert sich der Seher mit den Modifikationen = Änderungen = Bewegungen = Fluktuationen = Gedanken).

 

Nach der Samkhya-Philosophie verfolgt die Evolution einen bestimmten Zweck, und dieser Zweck ist, dass sich der Mensch zum Göttlichen entwickelt. Die Natur hilft dem menschlichen Wesen zu wachsen. Wenn wir leiden, müssen wir unser Leid als etwas Gutes akzeptieren. Unsere Anstrengungen sollten in eine spirituelle Richtung weisen. Wir fahren fort, im materiellen Bereich zu handeln, intensivieren aber unsere spirituelle Motivation. Wir beobachten mit passivem Gewahrsein das Spiel des Lebens. Wir werden zu einem guten Mitglied des Publikums. Wie schon gesagt, sind zwei unterschiedliche Einheiten im Spiel: das Bewusstsein und die Welt der Materie. Beide treffen sich durch Reflektion in unserem „Geist“, d.h. dem Citta und äußern sich als Gedanken und Gefühle, so dass diese zu unseren Erfahrungen und unserer Welt werden.

 

   Die Frage ist: was passiert da? Die Antwort: in diesem Moment herrscht völlige Identifizierung, so dass wir nicht in der Lage sind, zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden. Wir sind uns nicht bewusst, dass unser Bewusstsein etwas anderes ist als unsere Gedanken. Für uns zählen unsere Gedanken. Wenn jemand Sie fragt, wer Sie sind, dann antworten Sie im Allgemeinen, indem Sie Ihren Namen nennen. Aber Sie sind nicht Ihr Name. Das, was Ihr Selbst ist, ist etwas völlig anderes als Ihr Name oder Ihr physischer Körper oder Ihr Ich-Gefühl. Nur Ihr Bewusstsein ist Ihr Selbst. Wenn das Bewusstsein nicht existiert, dann existiert nichts. Das Sutra besagt also, dass zu anderen Zeiten, nämlich dann, wenn Sie sich des reinen Bewusstseins nicht bewusst sind, Sie sich nur Ihrer Gedanken bewusst sind. Wenn man nicht in seiner eigenen wahren Natur etabliert ist, dann ist man mit seinen Gedanken identifiziert. Es ist sehr schwierig, gleichzeitig am Leben teilzunehmen und des Bewusstseins gewahr zu bleiben.

 

   Im Bhakti-Yoga ist das Bewusstsein das Bewusstsein Gottes. Der Bhakta, d.h. der Anbetende will sein Gewahrsein Gottes ständig aufrecht erhalten; er will Gott in allem sehen. Was auch immer er selbst tut, sieht er als etwas, was nur durch ihn geschieht. Er bean-sprucht nichts für sich selbst, sondern sagt, dass nur Gott alles täte. Er ist immer gottbewusst. Ein solcher Mensch kann Leid ertragen und steht Freude wie Leid gleichermaßen gegenüber, ohne sein Gewahrsein zu verlieren.

 

Frage: Was geschieht mit dem „Seher“, wenn wir nicht in der Lage sind, Zu-schauer zu bleiben, d.h. die Einstellung eines beobachtenden Zeugens nicht aufrecht erhalten können?

 

Antwort: Dann verliert sich das Citta in alle möglichen Tätigkeiten, die man fünffach unterteilen kann. Der Geist, im Sinne von Seele oder reinem Bewusst-sein, funktioniert sozusagen auf zwei Arten: entweder ruht er in sich selbst oder er identifiziert sich mit anderem. Tatsache ist allerdings, dass dieser „Geist“ gar nicht wirklich funktioniert. Man benutzt für ihn das Bild eines Lahmen, der nicht gehen, sondern nur sehen kann. Wenn wir es nicht schaffen, nur beobachtender Zeuge zu sein, dann identifiziert sich das Bewusstsein mit all dem, was wir für unsere Welt halten. Wir sind wie der Polizist, der sich auf die Suche nach einem Dieb machte. Dabei stellte sich heraus, dass der Dieb genau so wie er selbst aussah. Wir halten die Welt, die wir für uns durch unsere Gedanken und Gefühle aufgebaut haben und mit der wir uns identifizieren, für lohnender als die Welt der wahren Realität.

 

   Diese Identifizierung geschah schon am Anfang aller Dinge. Es ist sehr harte Arbeit, diese Beziehung zu durchtrennen. Ohne das Citta, d.h. das, was für unsere Gedanken und Gefühle sorgt, gäbe es dieses Durcheinander nicht. Das Citta ist beides, unser größter Feind und unser bester Freund.

 

Sutra I, 4:

Die Modifizierungen sind fünffach, entweder leidvoll oder ohne Leid.

 

Unsere Gedanken scheinen uns zahllos zu sein. Aber sie können in fünf Gruppen unterteilt werden, und das kann uns helfen, unser Citta zu beherrschen. Eine Polizeitruppe kann eine riesige Menschenmenge beherrschen, wenn sie die Anführer in den Griff bekommt. Dann kann die Menge nicht viel anfangen. Diese Anführer sind die fünf Klesas. Wenn wir heraus finden, welcher oder welche der Fünf aktiv ist bzw. sind, und sie im Griff haben, dann ist der Rest einfach. Es heißt, dass aller Yoga darauf hinaus liefe, die Klesas zu reduzieren und zu beherrschen.

 

   Die Klesas sind negative Tendenzen, die durch positive, d.h. die Aklesas beherrscht werden können. Auch die acht Bhavas, über die wir oft sprechen, sind zur Hälfte positiv, zur Hälfte negativ. Die letzteren sind Adharma, Ajnana, Avairagya und Anaishvarya, und sie sind die Ursache der meisten unserer Probleme. Adharma besteht darin, dass wir uns nicht disziplinieren können. Und weshalb nicht? Weil wir keine Beziehung zu einem größeren Prozess aufbauen können. Wir sind unwillig, uns auf eine höhere Ordnung zu verpflichten. Es fehlt an Gehorsam, Akzeptanz und Vertrauen. Unsere so genannte Selbstbestimmung rührt nicht von unserem wahren „Selbst“, sondern nur unserem impulsiven Selbst her. Und das ist wechselhaft und unfähig zu einer langfristigen Verwirklichung.

 

Frage: Welcher Natur sind diese fünffachen Modifizierungen, d.h. Vrittis?

 

Antwort: Sie verursachen entweder Schmerz und Leid, dann sind sie klista, oder nicht, dann sind sie aklista. Das Citta wird immer von einer dieser Dualitäten bestimmt. Wenn wir uns der schmerzhaften Natur der Welt bewusst werden, leiden wir erst einmal stärker.

 

   Die Strategie besteht darin, die niederen, schmerzvollen Tendenzen mit Hilfe der nicht-leidvollen Tendenzen zu überwinden. Diese bestehen in erster Linie aus Uneigennützigkeit, Vertrauen und Durchhaltevermögen. Letzten Endes werden auch diese aklista Zustände aufgegeben zu Gunsten des allerhöchsten spirituellen Zwecks.